2.11 Netzwerke und Synergieeffekte
Eine wirksame Kinder- und Jugendbeteiligung erfordert Menschen, die sich engagiert und mit Leidenschaft für die Belange der jungen Generation einsetzen. Mancherorts lebt die Beteiligung vom Einsatz einer einzelnen Person, andernorts wirken ganze Teams zusammen. Doch so verschieden die Personenstärke am Ende auch sein mag, das Vorgehen zeichnet sich oft durch ein gemeinsames Merkmal aus: Allzu häufig arbeiten die Akteurinnen und Akteure im Feld isoliert voneinander. Der Mangel an Kommunikation und Austausch mit Kolleginnen und Kollegen ist nicht problemlos. Er führt dazu, dass wichtige Synergieeffekte ausbleiben. Ohne eine Vernetzung können wertvolle Impulse und Lernprozesse nicht entstehen.
Lokal und bundesweit denken
Netzwerke in der Kinder- und Jugendbeteiligung können auf verschiedenen Ebenen entstehen, zum Beispiel bundesweit oder in einem kleineren, spezifischen – sprich lokalen33 – Gebiet. Ebenso denkbar sind nicht zuletzt kommunale Zusammenschlüsse, die sich speziell auf die Verwaltungseinheit einer Kommune konzentrieren: einer bestimmten Stadt, Gemeinde auf dem Land oder eines Stadtteils. Im NAP wurden die diversen Optionen angesprochen, der Fokus in den Debatten aber insgesamt eher auf das eigene direkte Umfeld und die damit verbundenen Möglichkeiten gelegt. Dieser Befund ist wenig überraschend, da gerade diese Ebenen – die Kommune oder Region – für die Teilnehmenden greifbarer und unmittelbarer erlebbar sind.
Im NAP-Prozess wurde geäußert, dass besonders Zusammenschlüsse von Akteurinnen und Akteuren mit unterschiedlichen Zuständigkeiten sinnvoll sind, um gemeinsam Kinder- und Jugendbeteiligung zu fördern. Neben Kommunalpolitik und Verwaltung können dazu zum Beispiel auch soziale Dienste, Jugendzentren, Bildungseinrichtungen, Freizeitangebote und Jugendorganisationen gehören. Grundsätzlich sei es wichtig, die vorhandenen Strukturen vor Ort zu nutzen und keine konkurrierenden Parallelstrukturen zu schaffen.
Vernetzung lohnt sich – für alle Beteiligten
Vor Ort besteht oft eine große Vielfalt an Ansätzen, Formaten und Strukturen im Bereich der Kinder- und Jugendbeteiligung. Dazu gehören unter anderem Kinder- und Jugendparlamente, Schüler- und Schülerinnenvertretungen, Kinder- und Jugendverbände sowie anlassbezogene Beteiligungsformate. Diese Vielfalt erstreckt sich nicht nur auf die Formate, sondern auch auf die Trägerstrukturen und Anbieter, die die Kinder- und Jugendbeteiligung unterstützen und verantworten. Alle diese Ansätze, Formate und Strukturen sowie deren Interaktionen können Teil einer sogenannten Beteiligungslandschaft sein.
Eine Vernetzung innerhalb der Beteiligungslandschaft kann diverse Ziele verfolgen und sie kann unterschiedliche Vorteile bieten. Im Rahmen des Nationalen Aktionsplans spielten die Verbesserung des Informationsflusses sowie das Bündeln und Teilen von Kräften eine zentrale Rolle. Netzwerke erhöhen den Zugang zu wertvollen Ressourcen wie Wissen und Fachkompetenz. Sie ermöglichen den Austausch von Erfahrungen sowie Good Practice. Der Effekt von Netzwerken ist wichtig, da Fachkräfte, die sich dem Thema Beteiligung widmen, teils unter herausfordernden Bedingungen arbeiten und nur über begrenzte Ressourcen verfügen (zum Thema strukturelle Ressourcen als Grundlage funktionierender Beteiligungsprozesse siehe auch Kapitel 2.5).
Auch hoben einige NAP-Stimmen in ihrem Votum für eine stärkere Vernetzung die Bedeutung eines Perspektivwechsels hervor. Durch regelmäßigen Austausch, vor allem über die eigenen Zuständigkeiten hinweg, könne ein besseres Verständnis für die Herausforderungen und Prioritäten der anderen Verantwortlichen entwickelt werden, was die Zusammenarbeit fördere. Gleichzeitig entstünde auf diesem Weg die Möglichkeit, eine (im Netzwerk) einheitliche Haltung zu Kinder- und Jugendbeteiligung zu entwickeln. Dies sei entscheidend, um eine klare und kohärente Position nach außen zu vertreten und nicht gegeneinander zu arbeiten. Aktivitäten könnten sich so ergänzen und Maßnahmen zur Stärkung der Beteiligung junger Menschen im Handlungsbereich gezielter und effektiver umgesetzt werden.
Die NAP-Teilnehmenden schlussfolgerten, dass Netzwerke Synergieeffekte ermöglichen und durch Zusammenarbeit mehr erreicht werden kann, als im Alleingang möglich wäre.34 Daran anknüpfend könnten Netzwerke als Grundlage für eine gemeinsame Lobbyarbeit dienen, um das Bewusstsein für die Bedeutung der Kinder- und Jugendbeteiligung zu schärfen und konkrete Maßnahmen zu erwirken. Ein geschlossenes Auftreten erhöhe die Wirkung und trüge zu positiven Ergebnissen bei, weshalb das derzeitige Fehlen einer starken und effektiven Lobby für Kinder- und Jugendbeteiligung umso dringlicher behoben werden müsse.
Vernetzung und Austauschformate etablieren
Eine Vernetzung kann über verschiedene Weisen hergestellt werden. Für die NAP-Teilnehmenden umfasst dies zum Beispiel kleinräumige Treffen, zu denen gezielt eingeladen wird und die darauf ausgerichtet sind, eine überschaubare Zahl von Menschen regelmäßig zusammenzubringen. Diese Treffen bieten Raum für einen intensiven (Erfahrungs-)Austausch, der in größeren Formaten oft schwerer zu erreichen ist.
Des Weiteren ließen sich durch das Organisieren von Veranstaltungen, Workshops oder Seminaren Netzwerke aufbauen, die eher informell und weniger organisiert sind. Interessierte erhalten hier die Gelegenheit, sich kennenzulernen und langfristige Kontakte zu knüpfen. Für die kommunale Ebene wurden Dialogforen zu Kinder- und Jugendbeteiligung angeregt, bei denen gemeinsam mit bestimmten Zielgruppen (altersbezogen) an konkreten Themen gearbeitet wird. Ferner gab es die Idee von Beteiligungsdialogen, in denen relevante Stakeholder aus der Lebenswelt junger Menschen zusammengebracht werden. Diese Stakeholder könnten zum Beispiel Eltern, Lehrkräfte, Fachkräfte der Sozialen Arbeit und der Kinder- und Jugendhilfe, politische Verantwortliche sowie die jungen Menschen selbst sein.
Peer-Learning und Austausch
Immer wieder wurde im Rahmen des NAP-Prozesses betont, dass ein Zusammenbringen von Verantwortlichen in der Kinder- und Jugendbeteiligung zwar wichtig ist, aber es ebenso entscheidend sei, auch die jungen Menschen selbst miteinander zu vernetzen, die sich in den Beteiligungsangeboten einbringen. Netzwerke schaffen einen Rahmen, in denen sich die junge Zielgruppe treffen kann, um Gedanken und Erfahrungen auszutauschen. Der Dialog zwischen Gleichaltrigen aus verschiedenen Kontexten könne durch wirksames Peer-Learning zu neuem Wissen und neuen Perspektiven führen.
Um die als unzureichend empfundene Vernetzung von Beteiligungsengagierten voranzutreiben, griffen die Teilnehmenden in ihren Überlegungen auf die im NAP mehrfach diskutierte Idee einer „Beteiligungsplattform“ mit Chat-Funktion zurück (siehe auch Kapitel 2.1). Eine weitere Möglichkeit wurde ebenfalls im digitalen Raum gesehen, konkret in dem Einsatz bereits bestehender Online-Dienste und Plattformen, die den Nutzenden die Kommunikation mittels Text-, Sprach- und Video-Interaktionen ermöglichen (siehe auch Kapitel 2.12). Ein wesentlicher Bonus sei hier, dass so auch Personen eine Teilhabe ermöglicht wird, die sich bei klassischen Networking- und Austauschformaten überfordert fühlen. Als Einschränkung wurde indes formuliert, dass sich dieser Kommunikationsansatz häufig auf Peer-Ebene bilde und es schwierig sei, eine Nutzung „von oben“ vorzugeben.
Fußnoten
33. Die lokalen Gebiete können über die Grenzen einer bestimmten Kommune hinausgehen. Es geht hier weniger um eine Verwaltungseinheit, sondern um das Umfeld, in dem die beteiligten Akteurinnen und Akteure leben und/oder arbeiten.
34. Der Aspekt der Vernetzung sollte weiter vertiefend beraten werden, um mehr Klarheit darüber zu gewinnen, wie die verschiedenen Ebenen, Akteurinnen und Akteure etc. effektiv zusammengebracht beziehungsweise miteinander verbunden werden können.