Kapitel 2.1

2 Perspektiven für eine nachhaltige Stärkung der Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland

Bei der Auswertung der im NAP eingebrachten Erfahrungen und Empfehlungen konnten zwölf thematische Schwerpunkte identifiziert werden. Diese bildeten die Grundlage für die Strukturierung und Gruppierung der Ergebnisse und definieren den Rahmen für das vorliegende Kapitel. Zu beachten ist, dass die Schwerpunkte und somit die Inhalte dieses Kapitels an vielen Punkten nicht komplett trennscharf sind und Überschneidungen zueinander aufweisen. Themen wie Transparenz, Zugänge oder Kommunikation in der Kinder- und Jugendbeteiligung werden beispielsweise an vielen verschiedenen Stellen angeschnitten. Durch Querverweise innerhalb der Gliederungsabschnitte wird versucht, Orientierung zu bieten und auf weitere Passagen in der Dokumentation hinzuweisen, die sich ebenfalls oder sogar vertiefend mit verwandten Themen befassen.

Das sich anschließende Kapitel 3 dient ebenfalls der Ergebnisdarstellung, befasst sich aber mit den Perspektiven und Empfehlungen, die spezifisch zu lebensweltlichen Orten von jungen Menschen sowie politischen Ebenen im Prozess geäußert wurden. Die dort dargestellten Inhalte beziehen sich folglich auf Räume und Strukturen von Kinder- und Jugendbeteiligung.

2.1 Zugänge und Informationen: „Wie erfahre ich, was es gibt?“

Bevor sich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aktiv beteiligen können, stellen sich mehrere Fragen: Gibt es überhaupt entsprechende Angebote in der Nähe? Verfügen die jungen Menschen über die notwendigen zeitlichen Ressourcen? Ist verständlich, was beim Beteiligungsprozess passiert? Der erste Schritt in Richtung Beteiligung ist jedoch das Wissen, dass es überhaupt die Möglichkeit gibt, sich einzubringen und mitzuwirken.

Zur Frage „Wie erfahre ich, was es gibt?“ wurde im NAP viel diskutiert. Obwohl klar war, dass die Information zur Beteiligungsmöglichkeit im NAP-Prozess die mitwirkenden Personen – junge Menschen wie Fachkräfte – erfolgreich erreicht hat, war vielen aus eigener Erfahrung bekannt, dass solche Mitteilungen nicht immer bei der jungen Zielgruppe ankommen.

Unwissenheit und Informationen

Welche Informationen zu Beteiligungsangeboten sollten vermittelt werden und wie sollte diese Öffentlichkeitsarbeit aussehen? Zu dieser Frage wurden im NAP-Prozess zahlreiche Antworten diskutiert: So reicht es nicht aus, nur knapp über das Beteiligungsformat zu informieren und zu werben. Eine Öffentlichkeitsarbeit zu Beteiligungsmöglichkeiten sollte breiter angelegt sein. Dies beinhaltet auch die Information, wie der Alltag der jungen Menschen durch die konkrete Beteiligung betroffen ist. Idealerweise sollte die junge Zielgruppe niedrigschwellig alle Informationen zu Beteiligungsmöglichkeiten erhalten, um vielfältige Optionen zu verdeutlichen und die Motivation zur Teilnahme entsprechend zu erhöhen. Essenziell seien dabei auch konkrete Informationen, an welchen Stellen man sich wie beteiligen kann. Gibt es etwa bereits bestehende Beiräte und Gremien, in denen man sich engagieren kann? Werden große Konferenzen durchgeführt oder gibt es projektbezogene Formate, die noch Engagierte suchen? An wen muss ich mich wenden, wenn ich mitmachen möchte?

Gerade jugendliche NAP-Teilnehmende berichteten von häufig unzureichenden Informationen über Beteiligungsmöglichkeiten auf den unterschiedlichen föderalen Ebenen. Insbesondere in der Schule nahmen die Teilnehmenden eine geringe Aufklärung zu Beteiligung wahr. Lehrinhalte gingen nicht über die lehrplanmäßige Behandlung von Erwachsenengremien und Wahlen hinaus. Doch gerade in Schulen, in denen Kinder und Jugendliche viel Zeit verbringen, gebe es – unabhängig der Schulform – das Potenzial, die Informationen über Partizipationsmöglichkeiten breit zu streuen und mehr junge Menschen für Beteiligung zu gewinnen. Auch an allen anderen Orten, an denen junge Menschen sich aufhalten, könnte die Zielgruppe durch mehr und zielgruppengerechte Informationen niedrigschwellig erreicht werden (siehe auch Kapitel 3). Die jungen Teilnehmenden stellten außerdem fest, dass sich oftmals dieselben jungen Menschen in Beteiligungskontexten bewegten, da die Informationen häufig nur in deren Netzwerken geteilt beziehungsweise diese erreichen würden (siehe auch Kapitel 2.4).

Einige Stimmen im NAP fanden es ergänzend wichtig, dass gerade auf Bundesebene kommuniziert wird, warum ein Format überhaupt eingerichtet wird. Ergänzend sei wichtig, die Besonderheiten der jeweiligen Einsatzorte zu berücksichtigen: Beteiligung in ländlichen Gebieten hat nicht nur andere thematische Schwerpunkte, sondern weist auch unterschiedliche Informationskanäle und Umsetzungshürden auf als Formate in städtischen Gebieten. Kommunale Beteiligung unterscheide sich von jener auf Bundesebene; Beteiligungsformate in einer Kindertagesstätte seien anders strukturiert als Angebote im Jugendclub.

Formen der Öffentlichkeitsarbeit

Die NAP-Teilnehmenden plädierten dafür, dass Informationen zu Beteiligungsangeboten über verschiedene Kanäle – sowohl offline als auch online – an die jungen Menschen herangetragen werden sollten. Dabei sollte die Art und Weise der Vermittlung ansprechend und zielgruppengerecht aufbereitet sein. Denkbar sind beispielsweise Flyer, Infoveranstaltungen oder auch Kurzclips in den sozialen Medien (siehe auch Kapitel 2.2 sowie der Exkurs: Die Beteiligungsplattform). Im Hinblick auf die sozialen Medien wurden insbesondere Buddy- oder Vorbild-Programme sowie die Weitergabe von Informationen durch prominente Persönlichkeiten empfohlen.

In den Diskussionen um die Formen der Öffentlichkeitsarbeit wurde wiederholt ein grundlegendes Problem angesprochen: Bisher sind Informationen zu Beteiligungsangeboten oft an verschiedenen Stellen verfügbar; zugleich berichten insbesondere junge NAP-Beteiligte von einem Gefühl der Überforderung durch die Informationsflut, besonders im digitalen Raum. Dies gelte umso mehr für diejenigen, die sich erstmals mit der Thematik befassen. Jedes Beteiligungsformat mache für sich selbst Werbung. Es fehle an Übersichten und allgemeinen Informationen zum Thema. Zugleich haderten die jungen Menschen teilweise mit der benutzten Fachterminologie.

Zentral für die Informationsbeschaffung sind insbesondere die sozialen Medien (wie Insta gram oder TikTok). Wichtig seien dabei auch Communitys, also informelle Gruppen, die sich über Facebook oder Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Signal austauschen. In den Letztgenannten würden niedrigschwellig aktuelle Informationen und Beteiligungsmöglichkeiten getauscht. Zumeist entstünden diese Gruppen durch Vernetzung der Teilnehmenden während oder im Anschluss an durchgeführte Beteiligungsformate. Sie seien jedoch aufgrund ihrer Niedrigschwelligkeit und Selbstorganisation auch für neue Personen offen und potenziell zugänglich. In diesem Zusammenhang wurden aber auch Herausforderungen bezüglich des Datenschutzes genannt. Diskutiert wurde beispielsweise ein daten- und jugendschutzkonformer sowie gleichzeitig jugendgerechter Messenger-Dienst, der bundesweit zum Einsatz kommt. Dies erleichtere eine langfristige Kommunikation mit den beteiligten jungen Menschen.

Auch außerhalb der sozialen Medien wurde im Dialogprozess die Einrichtung einer Wissensdatenbank im Themenkomplex Beteiligung debattiert. Darin könnten nicht nur Begriffe erläutert, sondern auch eine Übersicht über rechtliche Grundlagen sowie Ansprechpersonen und Zuständigkeiten auf den verschiedenen föderalen Ebenen aufgezeigt werden.

Exkurs: Die Beteiligungsplattform

Im NAP-Prozess wurden – wie bereits erwähnt – die unstrukturierte, dezentrale und überfordernde Flut an Informationen sowie geringe Öffentlichkeitsarbeit als grundlegendes Problem angesprochen. Darüber hinaus wurde wiederholt die Frage diskutiert, wie man mehr junge Menschen, insbesondere diejenigen, die sich bisher noch nicht beteiligen, erreichen könnte. Wie kann eine breitere Vielfalt junger Menschen in Beteiligungsformaten angesprochen werden und was benötigen sie, um sich noch stärker zu beteiligen? Welche digitalen Lösungen sind im Beteiligungssektor erforderlich? Auch hier sahen die NAP-Teilnehmenden die klare Notwendigkeit einer übergreifenden informativen Internetseite, auf der Beteiligungsformate erläutert und zentral aufgelistet werden.

Nachdem bereits zu Beginn des NAP-Prozesses die Idee einer bundesweiten Beteiligungsplattform aufgetaucht ist, stieß dieses Thema bei der BundesJugendKonferenz 2024 auf besonderes Interesse. Die Teilnehmenden konnten dort in einem eigenen Workshop konkrete Umsetzungsvorschläge einbringen und diskutieren. Kombiniert mit den weiteren Ergebnissen des NAP-Prozesses ergibt sich daraus eine genauere Vorstellung: Die Plattform soll Informations- und Austauschportal und damit erste Anlaufstelle für Beteiligungsinteressierte sein. Projekte könnten sich dort mit allen wichtigen Informationen (wie inhaltlichem Schwerpunkt, Alter der Zielgruppe, Art und Umfang der Beteiligung, Ort und Zeit) listen lassen und über eine Suchfunktion in Listen- und/oder Kartenansicht gefunden werden. Ziel der Beteiligungsplattform ist es dabei, nicht nur Beteiligungsangebote übersichtlich und zentral darzustellen, sondern auch so weit als möglich sicherzustellen, dass diese als Teil eines Ganzen und nicht als Konkurrenz zueinander wahrgenommen werden.

Auf der Plattform sollten sich Initiativen, Institutionen oder Vereine, die Beteiligung anbieten, aber auch interessierte Einzelpersonen austauschen können. Dieser Austausch wäre über eine Chat-Funktion, über ein Forum zu bestimmten Themen oder als Art „Jobbörse“ im Sinne einer Beteiligungsbörse (in der sich neue Ideen und Projekte zusammenfinden) denkbar. Weiterhin angeregt wurde ein Blog-Bereich mit Beispielen guter Praxis, ein auf der gesamten Seite verlinkbarer Wiki-Bereich, der alle Informationen, Begriffe und Formate rund um das Thema Beteiligung sammelt und erläutert, sowie eine FAQ-Seite zur Beantwortung konkreter Fragen. Außerdem sollte die Plattform die Kontaktdaten konkreter Ansprechpersonen enthalten.

In der technischen Umsetzung sollten Aspekte der Barrierefreiheit und Mehrsprachigkeit berücksichtigt werden, um die Plattform für möglichst viele junge Menschen nutzbar zu machen. Begleitend zur Plattform sollte es einen Instagram-Kanal geben, der von jungen Menschen für junge Menschen gestaltet wird. Hier könnten Informationen zu Beteiligungsmöglichkeiten zielgruppenorientiert, leicht verständlich, präzise visualisiert und barrierefrei präsentiert werden. Auch eine App, die die Funktionen der Beteiligungsplattform übernimmt, sei denkbar.

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