Kapitel 2.2

2.2 Kommunikation und Ansprache

Die jungen Menschen im NAP-Prozess beobachten aktuell eine hohe Politikverdrossenheit in ihrer Generation. Viele von ihnen fühlen sich oft nicht ernst genommen beziehungsweise von den politischen Diskursen ausgeschlossen. Besonders deutlich wurde dieses Gefühl im Zusammenhang mit der politischen Kommunikation, wie etwa Nachrichten, Pressekonferenzen, Ansprachen und politischer Werbung. Die Zielgruppe der jungen Menschen findet dort, nach Wahrnehmung der NAP-Teilnehmenden, kaum Berücksichtigung. Frage hierbei ist, wie eine kinder- und jugendgerechte Kommunikation im Rahmen von Beteiligungsprozessen aussehen kann. Wie muss eine Ansprache gestaltet werden, um alle jungen Menschen zu erreichen und sie in den politischen Diskurs einzubeziehen?

2.2.1 „Es ist oft nicht klar, worüber die Erwachsenen sprechen“: Jugendgerechte und Einfache Sprache

Laut den Empfehlungen des NAP-Prozesses besteht in der Kommunikation der Politik mit jungen Menschen ein deutlicher Verbesserungsbedarf hinsichtlich der Kommunikationsstrategie und zielgruppenspezifischen Ansprache. Dabei gehe es vorrangig um altersgerechtes Informationsmaterial sowie um eine altersentsprechende Berichterstattung, die auf jugendgerechten Kanälen wie den sozialen Medien verbreitet wird und vorherrschende adultistische Jugendbilder überwindet. Dies jedoch hat nicht nur für die politische Kommunikation ihre Gültigkeit, sondern kann ebenfalls auf andere Handlungsfelder übertragen werden.

Fehlende Niedrigschwelligkeit und elitärer Sprachgebrauch

Im NAP-Prozess wurde ein klarer Zusammenhang zwischen der Niedrigschwelligkeit von verfügbaren Informationen und dem Engagement in politischen Beteiligungskontexten gesehen. Nicht nur die Informationen müssten jugendgerecht und niedrigschwellig verfügbar sein. Auch Beteiligungsangebote könnten durch zu hohe Zugangshürden eine abschreckende Wirkung haben. (Politische) Beteiligungsprozesse würden häufig aus der Perspektive politischer oder verwaltungstechnischer Strukturen konzipiert und geplant. Die dort verwendete Fachsprache sowie der häufig elitär wirkende Sprachgebrauch könnten dabei Hemmnisse erzeugen. Die Meinung junger Menschen scheine zudem weniger wert zu sein, nur weil sie keine Fach- beziehungsweise Verwaltungssprache sprechen und ihre Ansichten nicht in „politischer Sprache“ ausdrücken können.

Die genannten Hürden könnten durch die Verwendung von jugendgerechter oder Einfacher Sprache abgebaut werden und damit nicht nur jungen Menschen, sondern auch Personen, die nicht verbal oder mit Deutsch als Erstsprache kommunizieren, einen Zugang ermöglichen. Jugendgerechte Kommunikation und Ansprache sollte bereits bei der Werbung für ein Beteiligungsformat beginnen und bis zur Aufbereitung der Ergebnisse fortgeführt werden.

Wie geht jugendgerechte Kommunikation?

Wie jede andere Bevölkerungsgruppe auch sind Menschen im Alter von 0 bis 27 Jahren divers und heterogen in ihren Bedürfnissen, Interessen, Kompetenzen, Wissensständen und Erfahrungen. Um Wirksamkeit in Beteiligungsprozessen zu ermöglichen und eine umfassende Informationsübermittlung durch Verwaltung und Politik sicherzustellen, benötigt es daher eine differenzierte Ansprache. Zielführend könnte dabei sein, die Zielgruppe – soweit möglich – selbst eine Kommunikationsstrategie erarbeiten zu lassen und einen inklusiven Ansatz zu verfolgen. Dazu könnten Angebote in Leichter oder Einfacher Sprache, Deutscher Gebärdensprache oder Brailleschrift gehören.

In Verwaltungskontexten sollte, laut Wunsch der Teilnehmenden, die Einfache und jugendgerechte Sprache nicht nur in der direkten Kommunikation, sondern auch auf Formularen und Dokumenten Anwendung finden. In der direkten Umsetzung müsste eine beauftragte Person diese „Regeln“ stetig im Blick haben und gegebenenfalls nachjustieren.

Der Wunsch, ein Übersetzungsangebot und Hinweise für eine zielgruppenspezifische Kommunikation in Anspruch nehmen zu können, ist in beide Richtungen vorhanden. Eine Idee in diesem Themenkomplex war es, dass Erwachsene von jungen Menschen als Expertinnen und Experten im Feld als Digital Natives18 in jugendgerechter Kommunikation und der Nutzung sozialer Medien geschult werden. Solche Angebote könnten Erwachsenen helfen, die Kommunikationsmittel und Kommunikationsgewohnheiten der jungen Menschen besser zu verstehen und dadurch einen Dialog auf Augenhöhe zu ermöglichen.

Strategien und Kanäle zur effektiven Kommunikation

Die Nutzung sozialer Medien spielt laut den Beteiligten im NAP-Prozess eine wesentliche Rolle, um den Dialog zwischen Politik und Verwaltung beziehungsweise anderen Organisationen sowie jungen Menschen zu verbessern und die Zielgruppe zu erweitern. Aktuell böten insbesondere Instagram und TikTok eine große Chance, junge Menschen dort anzusprechen, wo sie sich alltäglich aufhalten. Inhalte, die trendorientiert, kurz, energetisch und authentisch gestaltet sind, ohne dabei peinlich und gestellt zu wirken, würden aus Sicht der jungen Teilnehmenden im NAP besonders gut ankommen. Hierzu zählen beispielsweise kurze Videos mit dichter Informationsvermittlung, die durch Einfache Sprache, visuelle Elemente und Untertitel unterstützt werden. Diese könnten helfen, komplexe Themen verständlich und inklusiv zu vermitteln.

Zudem würde das Einblenden von Quellen die Glaubwürdigkeit der Informationen erhöhen und der Verbreitung von Fehlinformationen entgegenwirken. Die Absichten hinter den jeweiligen Beiträgen sollten dabei klar erkennbar sein, um Missverständnisse zu vermeiden. Nicht zuletzt spiele die nonverbale Kommunikation eine bedeutende Rolle: Mimik, Gestik und Körperhaltung in Videos können die Botschaft verstärken oder abschwächen. Eine bewusste Gestaltung dieser Elemente könne die Glaubwürdigkeit und die Wirkung der Inhalte entscheidend beeinflussen.

Klassische Kommunikationsmittel wie Newsletter seien aufgrund der Textlänge oder des wenig ansprechenden Designs weniger erfolgreich, um die Aufmerksamkeit junger Menschen zu wecken. Hier seien neue Ansätze gefragt, die den digitalen Gewohnheiten der Zielgruppe besser entsprechen. Über die sozialen Medien hinaus wurden regelmäßige Formate in einem non-formalen Rahmen für den direkten Austausch etwa mit Menschen aus Politik und Verwaltung als wichtig erachtet – zum Beispiel Sprechstunden, Besuche in Einrichtungen oder bei Vereinen, Stadtspaziergänge oder Ähnliches. Dabei gelte es, die oben genannten Aspekte der Kommunikation zu beachten, damit es zu einem Austausch ohne umfangreiches Hintergrundwissen kommen könne. Diese Art von Austausch fördere nicht nur das Verständnis füreinander, sondern stärke auch das Vertrauen und die Motivation der jungen Menschen, sich politisch zu engagieren.

Peer-to-Peer

Der Peer-to-Peer-Ansatz könnte in der jungen Zielgruppe besondere Vorteile bieten, da er das Lernen und den Austausch unter Gleichaltrigen fördert. Häufig wird eine gemeinsame Sprache verwendet und es werden ähnliche Erfahrungen geteilt. Im Gegensatz zur Kommunikation mit Erwachsenen schaffe der Dialog unter Peers eine Umgebung, in der sich junge Menschen in einer entspannteren Atmosphäre eher öffnen, authentische Gespräche führen und ihre Meinungen austauschen können. Ein geeigneter Rahmen – sei es auf Konferenzen, in Freizeiteinrichtungen oder politischen Kontexten – könnte diesen Austausch unterstützen und vertiefen. Eine fortwährende Herausforderung bestünde darin, zielgruppenspezifische Kommunikation als selbstverständlichen Bestandteil des (Beteiligungs-)Alltags zu etablieren.

2.2.2 Augenhöhe und Wertschätzung in Interaktion und Dialog

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene identifizierten im NAP-Prozess Adultismus, fehlende Wertschätzung und Scheinbeteiligung als größte Hürden für eine wirksame Beteiligung junger Menschen in gesellschaftlichen Prozessen. Beteiligung setze eine Kultur des gegenseitigen Respekts, der Wertschätzung und Anerkennung aller Beteiligten voraus, da nur sie eine Kommunikation auf Augenhöhe ermöglicht.

Adultismus oder Kommunikation auf Augenhöhe

In den Formaten des NAP wurde sich ausführlich über Adultismus ausgetauscht, denn insbesondere junge Teilnehmende sehen sich hiermit häufig konfrontiert. Diese Form der Abwertung junger Menschen aufgrund ihres Alters führt dazu, dass sich viele von ihnen nicht ernst genommen fühlen. Statt auf Augenhöhe zu kommunizieren, erleben sie eine Form von Paternalismus, der ihre Kompetenzen und ihr Wissen untergräbt. Die Konsequenz daraus ist ein Gefühl der Ohnmacht und Unwirksamkeit.

In den Diskussionen des NAP wurde deutlich, dass diese Abwertung nicht nur in der persönlichen Interaktion, sondern auch in der Gestaltung von Beteiligungsprozessen spür bar ist. Das darin reproduzierte Machtgefälle führt zu Unsicherheit und Missverständnissen. Degradierende Aussagen wie „Lass das mal die Profis machen“ wirken demotivierend und verhindern Beteiligung. Auch das selbstverständliche Duzen von jungen Menschen durch Erwachsene kann das vorherrschende Machtgefälle reproduzieren und verstärken. Oft werde von jungen Menschen erwartet, dass sie dankbar dafür sind, überhaupt eingeladen zu werden und ihre Bedürfnisse äußern zu dürfen. Dabei würde häufig übersehen, dass Beteiligung – neben der eigentlichen Motivation sich zu äußern – noch weitere Rahmenbedingungen benötigt, die eine Teilnahme überhaupt erst möglich machen, wie zum Beispiel zeitliche und finanzielle Ressourcen (siehe auch Kapitel 2.3)

Eine Bevormundung durch erwachsene Personen wird von Kindern und Jugendlichen oftmals als Einschränkung in ihrer Eigenständigkeit wahrgenommen. Im Kontext von Beteiligung besteht dadurch die Befürchtung, dass jungen Menschen die Kontrolle über ihre eigenen Projekte und Initiativen immer wieder durch eine zu starke Einmischung von außen entzogen werden könnte.

Um eine echte Kommunikation auf Augenhöhe zu erreichen, ist es für die Beteiligten im NAP wichtig, dass Erwachsene ihre eigenen Vorurteile und den oft unbewussten Adultismus reflektieren. Qualifizierungsangebote für Fachkräfte, Mentorinnen und Mentoren sowie Unterstützerinnen und Unterstützer sollten daher das Thema Adultismus gezielt aufgreifen, um diese Personengruppe zu sensibilisieren. Nur wer sich der eigenen Haltung bewusst ist, kann authentisch und respektvoll mit jungen Menschen in den Austausch treten und dadurch eine wirksame Kinder- und Jugendbeteiligung erreichen (siehe vertiefend zur Sensibilisierung und Qualifizierung auch Kapitel 2.8).

Fehlende Wertschätzung und Anerkennung

Eng mit Adultismuserfahrungen ist auch die mangelnde Wertschätzung der Partizipation junger Menschen verbunden. Viele junge Personen im NAP-Prozess, die sich in verschiedenen Kontexten engagierten, berichteten von fehlender Anerkennung ihres Engagements. Statt Unterstützung stießen sie oft auf Widerstände oder Desinteresse seitens der Ausrichtenden von Beteiligungsangeboten.

Eine zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Kinder- und Jugendbeteiligung sei folglich der respektvolle Umgang mit den jungen Mitwirkenden. Ihre oftmals ehrenamtlich geleistete Arbeit benötige Anerkennung und Wertschätzung.

Scheinbeteiligung

Die NAP-Teilnehmenden sehen außerdem die Gefahr, dass Beteiligung weder ernsthaft umgesetzt, noch als Plattform für echten Dialog und sinnvolle Entscheidungen genutzt wird, sondern lediglich als ein PR-Instrument – im Sinne einer Scheinbeteiligung oder Youthwashing – dient. Im Kontext politischer Kommunikation, insbesondere in den sozialen Medien, stehen meist Reichweite und Views im Vordergrund. Der Anspruch, tatsächlich wichtige Themen oder Inhalte zu vermitteln oder zur Beteiligung zu motivieren, leide darunter.

Eine wirkungsvolle Kinder- und Jugendbeteiligung mit zielgruppengerechter Kommunikation braucht daher auch dringend mehr qualifizierte Fachkräfte, Mentorinnen und Mentoren sowie Unterstützerinnen und Unterstützer. Die (begleitete) Begegnung mit Entscheidungsträgerinnen und -trägern wurde als essenzieller Schritt für einen respektvollen und gleichberechtigten Austausch angesehen (siehe auch Kapitel 2.6).

Fußnoten

18. Als Digital Natives werden zumeist Menschen bezeichnet, die zu einer Zeit aufgewachsen sind, in der digitale Technologien allgegenwärtig waren. Es wird davon ausgegangen, dass ihre Identität und Kommunikationsweise stark durch die Nutzung dieser Technologien geprägt und sie demnach vertrauter im Umgang damit sind als die Generationen vor ihnen.

    Aktuelles zur Jugendstrategie

    Bleib immer up to date und erfahre von unseren Veranstaltungen! Melde dich für den Newsletter der Jugendstrategie an.

    Hier findest du übrigens den aktuellen Newsletter.

    Deine Daten, die du im Rahmen der Newsletter-Anmeldung angibst, behandeln wir vertraulich. Nähere Informationen zur Datenverarbeitung findest du unter Datenschutz.