2.3 Individuelle Ressourcen als Voraussetzung für eine Beteiligung junger Menschen
Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bringen unterschiedliche Kompetenzen, Hintergründe und Potenziale für Beteiligungsprozesse mit. Diese betreffen auch ihre finanzielle Situation sowie das Vorhandensein weiterer individueller Ressourcen wie Mobilität und Zeit. Je nach Kontext können die Verfügbarkeit beziehungsweise das Vorhandensein dieser Ressourcen sogar Grundvoraussetzung für das Gelingen von Kinder- und Jugendbeteiligung sein.
Beteiligung als eine Frage der eigenen Ressourcen wurde im Rahmen des NAP-Prozesses wiederholt diskutiert und dabei den Faktoren Finanzkraft, Mobilität und Zeit eine besondere Relevanz zugewiesen. Die Diskussion selbst offenbarte einen wichtigen Punkt: Wer über Partizipation nachdenkt, über die Umsetzung von Angeboten mit möglichst breiter Beteiligung, der muss auch die unterschiedlichen Bedürfnisse und Voraussetzungen der jungen Zielgruppe einbeziehen.
„Kann ich mir Beteiligung leisten?“
Hinlänglich bekannt ist, dass Kinder- und Jugendbeteiligung neben Engagement und Zeit auch Geld kostet. Ausgaben entstehen. Mitunter müssen die jungen Mitwirkenden beispielsweise Übernachtungen oder Fahrtkosten selbst finanzieren und organisieren.
Finanzielle Barrieren können den Willen zu Beteiligung ausbremsen. Daher ist es wichtig, diese in den Blick zu nehmen und gezielt herabzusenken. In manchen Fällen können junge Menschen die entsprechenden Aufwendungen, die ihnen entstanden sind, im Nachgang gegenüber den Verantwortlichen geltend machen. Aus Sicht der am NAP-Dialogprozess mitwirkenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigt dieses Instrument zur Förderung von Zugängen aber erst dann seine ganze Kraft, wenn die Erstattung der Fahrtkosten schnell und nicht nur anteilig erfolgt. Gleichzeitig werden weitere Herausforderungen sichtbar: Beteiligungsinteressierte stehen oftmals in der Pflicht, in Vorkasse zu treten. Dies setzt naturgemäß den Zugang zu einem gewissen Maß an finanziellen Ressourcen voraus, über den speziell junge Menschen, die von Armut betroffen oder armutsgefährdet sind, potenziell nicht verfügen.
Grundsätzlich sollte der ökonomische Hintergrund nicht darüber entscheiden, ob sich ein junger Mensch beteiligen kann. Der unter diesen Vorzeichen im Nationalen Aktionsplan formulierte Gedanke eines monetären Ausgleichs für Beteiligung ist nicht neu. Diskutiert wurde er auch im Kontext von Sitzungsgeldern in politischen und fachlichen (Erwachsenen-) Gremien. Damit Personen aus schlechteren sozioökonomischen Verhältnissen beziehungsweise arbeitende junge Menschen keinen Nachteil aus ihrem Engagement ziehen, sollte die Zahlung von Sitzungsgeldern verstärkt diskutiert werden. Neben einer Anerkennung und Wertschätzung ließen sich auf diesem Weg etwaige finanzielle Einbußen, die durch Abwesenheit in der Erwerbsarbeit entstehen, teilweise abmildern.
Mobilität
Damit junge Menschen sich beteiligen können, muss es ihnen möglich sein, den Ort, an dem der Beteiligungsprozess stattfindet, selbstbestimmt physisch zu erreichen – sie müssen mobil sein.19 Das heißt, junge Menschen müssen über die nötigen Mobilitätsressourcen beziehungsweise alternativ oder komplementär auch über Zugang zu einer funktionierenden Mobilitätsinfrastruktur verfügen, um an Beteiligungsprozessen teilnehmen zu können.
Wirft man einen näheren Blick auf die Ergebnisse des NAP-Dialogprozesses, so ist offensichtlich, dass die Relevanz der Ressource Mobilität abhängig vom Kontext ist. In ländlichen Räumen mit geringer Taktzeit und Netzdichte sind Fragen der Mobilität für junge Menschen und Umsetzende von Jugendbeteiligungsprozessen wesentlich drängender als in urbanen Räumen mit gut ausgebautem Nahverkehr oder sogar fußläufig erreichbaren Beteiligungsmöglichkeiten. Zusätzliche Hürden für Beteiligung entstehen, wenn die Kosten für den Nahverkehr hoch sind, auch Eltern oder Bekannte kein Auto oder andere Möglichkeiten der individuellen Beförderung besitzen beziehungsweise nicht die zeitlichen Kapazitäten haben, junge Menschen von A nach B zu bringen. Fehlende Mobilität und hohe Kosten beziehungsweise fehlende finanzielle Ressourcen für Bus und Bahn werden in diesem Fall zu Zugangsbarrieren und Beteiligungshindernissen.
Mobilität berührt demnach auch Fragen zu Repräsentanz, Inklusion und Diversität in Beteiligungsprozessen und deren räumlicher Gestaltung: Findet etwa der Beteiligungsprozess in der Kreis- oder Großstadt statt oder gibt es auch dezentrale Möglichkeiten, sich vor Ort zu beteiligen? Wie werden in urbanen Zentren auch Kinder und junge Menschen aus Außenbezirken einbezogen? Gibt es die Möglichkeit der individuellen Unterstützung in Form von Mobilitätsassistenzen für Menschen mit körperlicher Einschränkung?
Mobilität rückt in den Ergebnissen des NAP-Dialogprozesses vor allem in den Fokus, wenn sie nicht vorhanden oder defizitär ist. Als Lösungsansatz zu einer jugend(beteiligungs)gerechten Gestaltung von Mobilität in ländlichen Räumen wurde bei den Veranstaltungen des Nationalen Aktionsplans empfohlen, junge Menschen sowie deren Perspektiven und Lebenslagen in Planung und Evaluation von Mobilitäts- und Verkehrskonzepten in ländlichen Räumen einzubeziehen. Explizit angesprochen wurde zudem eine höhere Flexibilität von Mobilitätsangeboten in ländlichen Räumen.
Zeit und Freiwilligkeit
Neben Geld und Mobilität ist Zeit die dritte individuelle Ressource, die als essenzielle Bedingung für die Beteiligung junger Menschen intensiv von den Mitwirkenden im NAP-Dialogprozess thematisiert wurde. So wurde insbesondere der zeitliche Aufwand für ein intensives Beteiligungsprojekt als Hürde benannt. Herausfordernd sei, neben Schule, Ausbildung, Weiterbildung, Freizeit, Studium, Familie und Hobbys noch regelmäßig Zeit für Beteiligungsprozesse freizuhalten. Der freiwillige beziehungsweise ehrenamtliche Zeiteinsatz für den Beteiligungsprozess müsste zudem stärker anerkannt werden.
Auch in der Ressource Zeit spiegeln sich, laut Stimmen im Dialogprozess, soziale Ungleichheiten wider. Viele junge Menschen müssten neben Schule, Studium und Ausbildung arbeiten, um zu ihrem Lebensunterhalt beizutragen. Diese könnten daher keine zusätzliche Zeit für unentgeltliches Engagement in Beteiligungsprozessen aufbringen, sondern nur an solchen Prozessen teilnehmen, wenn ihr Aufwand auch materiell oder finanziell entschädigt würde. Da dies jedoch oft nicht der Fall ist, können bestehende Beteiligungsprozesse zu einer „Bubble“-Bildung beitragen, also der Bildung eines mehr oder weniger geschlossenen Kreises von jungen Menschen. In der Beteiligungs-„Bubble“ könnten sich demnach nur junge Menschen bewegen, denen es durch elterliche oder andere (finanzielle) Unterstützung möglich ist, an Beteiligungsprozessen teilzunehmen – auch ohne eine Aufwandsentschädigung zu erhalten. Dies hätte wiederum Auswirkungen auf die Repräsentanz in Jugendbeteiligungsprozessen, da Personen in prekärer finanzieller Lage so tendenziell von Beteiligung ausgeschlossen würden und Beteiligungsprozesse nicht junge Menschen in ihrer Vielfalt einbeziehen.
Zeitliche Ressourcen junger Menschen müssen von Verantwortlichen für Beteiligungsprozesse berücksichtigt werden, so die Empfehlung im NAP-Dialogprozess. Dies gilt nicht nur für den Zeitaufwand, den junge Menschen insgesamt für ihr Engagement aufbringen müssen, sondern auch für bestimmte Aspekte innerhalb des Prozesses: Wenn etwa Fristen zur Rückmeldung gesetzt oder Termine für Treffen vereinbart werden, sollten diese an die Rahmenbedingungen jugendlicher Lebensgestaltung angepasst und jugendgerecht gestaltet sein. Dazu ist auch eine Sensibilisierung von Fachkräften, Politik und Verwaltung für die lebensweltliche Realität junger Menschen wichtig – ein Thema, das in Kapitel 2.8 noch einmal aufgegriffen wird.
Ein Vorschlag im NAP-Dialogprozess zum Abbau der Beteiligungshürde Zeitaufwand ist es, jungen Menschen mehr Zeiträume für Beteiligung einzuräumen, indem etwa Freistellungen von Schule, Ausbildung und Universität zur Teilnahme an Beteiligungsprozessen erleichtert werden. Weiterhin sollten Formate zeitlich flexibler und ausgehend von den Lebensrealitäten junger Menschen gedacht werden.
Fußnoten
19. Dies trifft nicht auf Prozesse digitaler Beteiligung zu. Zugänge zu digitalen Beteiligungsprozessen werden in Kapitel 2.12 behandelt