Bildung von gestern für die Gesellschaft von morgen?

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Bildung von gestern für die Gesellschaft von morgen?

Irgendetwas muss sich ändern am Bildungssystem. Darüber herrscht seit Jahrzehnten weitgehende Einigkeit. Trotzdem bleiben große Reformen aus. Als nun ehemaliger Kreisschülersprecher und stellvertretendes Mitglied des Landesschülerrates Niedersachsen erlebe ich, dass sich viele Schülerinnen und Schüler – wie auch ich selbst – von der Politik alleingelassen fühlen. An allen Ecken fehlen Lehrkräfte und es stellt sich die dringende Frage, ob möglicherweise nicht nur die maroden Schulgebäude auf dem Stand des letzten Jahrhunderts stehengeblieben sind. Doch wo genau scheitert der einstige Bildungsstandort Deutschland?

Das Schulsystem ist ungerecht

Aus welchem Haushalt man kommt, entscheidet in Deutschland maßgeblich über den Bildungserfolg. Das lässt sich aus den neusten Ergebnissen der PISA-Studie ablesen. Die Ungleichheit zwischen sozial privilegierten Kindern aus wohlhabenden Haushalten und Kindern aus sozial benachteiligten Haushalten ist größer als im Durchschnitt der anderen erfassten Länder. Doch woher kommt dieser Unterschied?

Dafür gucken wir genauer in die Studie: 25% der Schülerinnen und Schüler gelten in Deutschland als sozial benachteiligt. Sieht man sich die Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund an, gelten sogar 42% von ihnen als sozial benachteiligt. 63% der Befragten gaben außerdem an, zuhause eine andere Sprache als Deutsch zu sprechen.

Das Problem hierbei ist vor allem das frühzeitige Einordnen von Schülerinnen und Schülern in verschiedene Bildungsniveaus. Weltweit trennt Deutschland nämlich die Schülerinnen und Schüler am frühsten voneinander, nach der Grundschule. Das benachteiligt vor allem Kinder, deren Schulnoten nicht allein ihre Fähigkeiten widerspiegeln – etwa, weil sie in der Grundschule nicht über die nötigen Sprachkenntnisse verfügen. So kann es passieren, dass Kinder, die eigentlich ein höheres Bildungsniveau hätten anstreben können, auf eine niedrigere Schulform wie die Hauptschule geschickt werden.

Die Lösungsansätze, die man hier braucht, sind mehr und frühere sprachliche Förderung von Kindern und das spätere Einordnen von Kindern in Bildungsniveaus. Eine Idee wäre auch die Abschaffung des Schulsystems aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Das System der Gesamtschule bietet auch den Vorteil, dass besser auf die Schwächen und Stärken der Schülerinnen und Schüler eingegangen werden kann (zum Beispiel durch unterschiedliche Kurse oder Förderangebote). Außerdem findet auf diesem Weg keine dauerhafte Trennung zwischen starken und schwächeren Schülerinnen und Schülern statt.

Das Schulsystem ist veraltet

Der nächste Punkt, dem ich sowohl als Schüler als auch in meiner Zeit als Schülervertreter begegnet bin, ist die Frage, wie zeitgemäß unser Schulsystem eigentlich noch ist. Oftmals wirkt es so, als hätte sich im Schulsystem seit vielen Jahrzehnten nicht viel nennenswert geändert – sowohl was die Ausstattung mit Kreidetafel und Papier angeht als auch beim Bildungskonzept. Es scheint an großen Veränderungen zu fehlen und das, obwohl sich in den letzten Jahrzehnten vor allem im Hinblick auf Modernisierungen, aber auch gesellschaftlich, so vieles so stark verändert hat.

Vergleicht man die Gesellschaft aus dem 20. Jahrhundert, aus dem unser Schulsystem stammt und die Welt, die wir heute vorfinden, könnten die Umstände, in die man nach der Schule entlassen wird, unterschiedlicher kaum sein. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lag der Bildungsfokus eher darauf, Fachkräfte (Arbeiter) und Führungskräfte (Eliten) auszubilden, um Wirtschaft und Gesellschaft wiederaufzubauen. Heute finden wir eine Gesellschaft vor, in der Bildung als Mittel zum sozialen Aufstieg dient und jeder sich frei entfalten können sollte.

Mein Eindruck ist: Das Schulsystem ist auf eine Zeit zugeschnitten, die mit der heutigen kaum noch etwas gemeinsam hat. Das wird in zwei Punkten sehr deutlich:

In einer Zeit, in der jeder in Form eines Smartphones das gesamte Wissen der Menschheit in der Hosentasche trägt, sind Klausuren und Prüfungen, die vor allem auf Auswendiglernen setzen, nicht mehr zeitgemäß. Vielmehr wären Klausuren sinnvoll, die das Verstehen von Zusammenhängen prüfen und dabei auch das Nutzen von Hilfsmitteln wie das Internet, Bücher oder auch Teamarbeit ermöglichen.

Der zweite Punkt ist, dass das Schulsystem zu sehr auf die Masse fokussiert ist, anstatt den einzelnen Schüler oder die Schülerin in den Mittelpunkt zu stellen. Das war früher vielleicht noch sinnvoll, aber heute ist es das mit Sicherheit nicht mehr. Es wird viel zu wenig auf die Talente und Fähigkeiten des Einzelnen eingegangen, sondern es wird ein starres System angewandt, bei dem man oft durchgehend auf einem einheitlichen Niveau unterrichtet wird.

Beispielsweise wird auf dem Gymnasium eher dauerhaft auf einem sehr hohen Niveau unterrichtet, auf der Hauptschule auf einem niedrigeren. Der Realität entsprechen tut das aber nicht, denn nur wenige Menschen sind „Universalgenies“ und in allen Bereichen gleich stark. Jeder hat seine Schwächen und Stärken. Auch hier käme die Gesamtschule als Lösung ins Spiel, da die Schülerinnen und Schüler hier die Möglichkeit haben, individuell auf den von ihnen benötigten Niveaus unterrichtet und gefördert zu werden, insbesondere durch Kurse auf verschiedenen Leistungsniveaus.

Die Gesamtschule sehe ich klar als Schulform an, bei der die Schülerinnen und Schüler ihr volles Potenzial ausschöpfen können. Die Vorstellung, dass man aus der Schule als Universalgenie kommen sollte, ist aus meiner Sicht veraltet. An diesem Punkt muss eine Veränderung des Schulsystems ansetzen. Wir müssen die Stärken des Einzelnen stärker fördern, ohne die Schwächen zu vernachlässigen.

Wenn der Bildungsstandort Deutschland eine Zukunft haben soll, muss sich etwas grundlegend verändern, denn ein „weiter so“ können wir uns nicht leisten. Jedes Schuljahr, das vergeht, bedeutet nicht nur ein schlechteres Abschneiden bei PISA, es bedeutet auch die negative Entwicklung von vielen Menschen und die Probleme werden von Tag zu Tag nicht weniger.

Quellen:

PISA 2022 Results (Volume I and II) – Country Notes / Germany: https://www.oecd.org/en/publications/pisa-2022-results-volume-i-and-ii-country-notes_ed6fbcc5-en/germany_1a2cf137-en.html [Letzter Zugriff 09.03.26]

https://hanushek.stanford.edu/sites/default/files/publications/Hanushek%2BWoessmann%202010%20IntEncEduc%202.pdf [Letzter Zugriff 09.03.26]

21 Jahre alt, Schüler

Hey Freunde, ich bin Bennet. Ich setze mich als nun ehemaliger Kreisschülersprecher des Landkreises Leer und stellvertretendes Mitglied des Landesschülerrates Niedersachsen für eine grundlegende Veränderung des Schulsystems ein. Ich bin für eine Schule, die sich am Individuum orientiert und dort hilft, wo Schwächen sind und da fördert, wo Stärken sind.

Bennet Hoffenbach / Gastautor

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