Schule ist nicht gleich Schule. Besonders nicht in Deutschland. Denn „Schule ist Ländersache“ – heißt: jedes Bundesland hat sein eigenes Bildungssystem. Dieses System nennt sich Bildungsföderalismus, ist fest im Grundgesetz verankert und ein ständiges Streitthema. Denn wie so vieles hat auch Bildungsföderalismus seine Sonnen- und Schattenseiten.
Was für Unterschiede eigentlich?
Ist dir klar, dass Kinder in Brandenburg und Berlin sechs statt vier Jahre in die Grundschule gehen? Weißt du, in welchen Bundesländern es Gesamtschulen gibt und in welchen nicht? Das sind nur ein paar Beispiele, um klarzumachen, was Bildungsföderalismus eigentlich beinhaltet. Aber auch wenn man den Begriff nicht kennt, ist das Thema selbst den meisten in verschiedenem Ausmaß bewusst. Und jeder hat seine Meinung dazu.
„Ich bin für die Harmonisierung des Bildungssystems. Föderalismus ist nicht überall anwendbar“, meint Kamran Muhammad, Mitglied des Bürgerrat Bildung und Lernen der Montag Stiftung Denkwerkstatt – ein Projekt, das die Wünsche und Ideen der breiten Öffentlichkeit in Bezug auf Bildungspolitik versammeln will. „Unter anderem müssen Bildungsabschlüsse, Lehrpläne und die Verteilung der Ressourcen vereinheitlicht werden.“ Damit vertritt der 20-Jährige die mehrheitliche Meinung des Bürgerrats.
Die Sache mit dem Abi
Meist wird vor allem über die Vergleichbarkeit der Abiturprüfungen und ein Zentralabi diskutiert. Dabei wird aber gerne vergessen: Erstens, dass die Prüfungen am Ende „nur“ ein Drittel der Endnote ausmachen. Zentrale Prüfungen allein würden das Problem somit auch nicht lösen.
Zweitens, dass das Abitur der Abschluss in Deutschland ist, für den es bereits die meisten Regelungen gibt, die eine relativ angemessene Vergleichbarkeit sichern – in den Grundzügen zumindest. Hauptschulabschluss und Realschulabschluss haben viel größeren Nachholbedarf bei der Harmonisierung.
Ebenfalls oft kritisiert werden die Nachteile für Schulwechsler. Verschiedene Anforderungen in den Bundesländern werden zum Mobilitätshindernis – so der Vorwurf. Laut Udo Michallik, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz (KMK), würden aber maximal in Einzelfällen Nachteile entstehen und wenn, dann sei es äußerst fraglich, die Schuld zuerst beim Bildungsföderalismus zu suchen. Er weist darauf hin: „Selbst die Mobilität innerhalb eines Bundeslandes, selbst innerhalb einer Stadt kann sich schwierig gestalten.“ Es gelte vor allem, die sozialen Umstände zu berücksichtigen.

Es geht immer ums Geld
Wie gut eine Schule digital oder sonst wie ausgestattet ist, hängt ab von der Finanzierung der äußeren Schulangelegenheiten. Hier sieht Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes und selbst Anhängerin des Bildungsföderalismus, die Bildungsfinanzierung und die zusammenhängende Digitalisierung der Schulen aktuell als zwei der größten Herausforderungen.
Es gibt jedoch ein ABER! Die Verantwortung tragen hier nicht direkt die Länder. Für äußere Schulangelegenheiten sind die einzelnen Kommunen zuständig. Um in diesem Dreieck aus Bund, Ländern und Kommunen für faire Verteilung von Geldmitteln zu sorgen und so Ungleichheiten auszugleichen, plädiert Lin-Klitzing für bundesweit gültige Staatsverträge.
Was ist gut am Bildungsföderalismus?
Erstens: Deutschland hatte in Anbetracht seiner nationalsozialistischen Vergangenheit jeden Grund, eher die Pflicht, sich vom Zentralismus zu verabschieden.
Zweitens: Der Vorteil der Bürgernähe. Zwischenfrage: Für wie viele Schulen sind die einzelnen Kultusministerien jeweils verantwortlich? Für mehr als genug, so dass schon innerhalb der Länder genug zu tun ist und trotzdem nicht alles glatt läuft. Ein Kultusministerium für ganz Deutschland wäre zuständig für rund 45.000 Schulen. Regionale Besonderheiten könnten in einem solchen Ministerium wohl kaum berücksichtigt werden.
Kein Zweifel, an genug Stellen sorgen die Bildungssysteme der Länder für Konflikte. Und Konflikte sind nun mal, was Aufmerksamkeit erregt. Aber sie sollten nicht alles überschatten. Die vielfältigen Systeme bieten das Potenzial sich im Wettbewerb weiterzuentwickeln, was im Zentralismus unmöglich wäre. Die Länder können von den Fehlern anderer lernen, sie vermeiden oder auch übernehmen, was gut läuft. Das Problem ist weniger die Vielfalt an sich, sondern eher, wie effektiv das vorhandene Potenzial an welcher Stelle genutzt wird.
Mein Fazit
Am Anfang meiner Recherche hätte ich der Zentralisierung der Bildungsverwaltung zugestimmt. Jetzt denke ich: Vereinheitlichung würde sehr vieles sicher sehr viel einfacher machen. Und es gibt Bereiche, in denen einheitlichere Regeln notwendig sind. Aber Bildungsföderalismus selbst ist gar nicht das Problem. Wir müssten nur besser an der Umsetzung und an bedarfsgerechten Problemlösungen arbeiten.
Leichter gesagt als getan? Sicher. Aber Frage: Wer glaubt ernsthaft, dass in einem zentralistischen System alles perfekt wäre? Floskelwarnung: Die auf den ersten Blick leichteste Lösung ist nicht automatisch die beste.
Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht die leichteste ist. Denn letzte Frage: Wie umsetzbar wäre wohl ein derart massiver Wandel, bei dem alle Bundesländer ein Mitspracherecht hätten?
Quellenverzeichnis
Udo Michallik, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz (eigenes Interview am: 14. Oktober 2021)
Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes (eigenes Interview am: 25. Oktober 2021)
Kamran Muhammad, Mitglied Bürgerrat Bildung und Lernen der Montag Stiftung Denkwerkstatt (eigenes Interview am: 17. Oktober 2021)
Online-Artikel: https://bildungsklick.de/schule/detail/bildungsfoederalismus-zugpferd-oder-bremse
Titelbild: www.pixabay.com/photos/classroom-chairs-tables-school-824120/
Beitragsbild: www.pexels.com/de-de/foto/frau-sitzt-vor-macbook-313690/


