2.8 Sensibilisierung und Qualifizierung von Fachkräften, Politik und Verwaltung
Nicht nur junge Menschen benötigen in Prozessen der Kinder- und Jugendbeteiligung konkrete Voraussetzungen an Vorwissen und Befähigung. Die Ergebnisse im NAP zeigen, dass auch Erwachsene Qualifizierung und Sensibilisierung für Beteiligung benötigen. Denn auch wenn die Motivation und das ernsthafte Interesse besteht, junge Menschen zu beteiligen, müssen Methoden, Ansprache und viele weitere relevante Aspekte bedacht werden. Wissen über die Lebenswelten und Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann helfen, die Relevanz ihrer Anliegen besser zu verstehen. Dies schließt ebenfalls die Kenntnis über die in Kapitel 2.3 beschriebenen individuellen Ressourcen (Finanzkraft, Mobilität und Zeit) sowie die damit zusammenhängenden unterschiedlichen Voraussetzungen junger Menschen ein.
Dagegen können fehlendes Wissen und Unverständnis über Begründungszusammenhänge und positive Effekte von Beteiligung zu einer ablehnenden Haltung gegenüber den Anliegen junger Menschen führen. Teils kann eine ablehnende Haltung gegenüber Kinder- und Jugendbeteiligung insgesamt auf adultistischen Klischees beruhen. Personen mit Entscheidungsbefugnis und Fachkräfte müssen sich ihrer eigenen Haltung zu Kinder- und Jugendbeteiligung im Spezifischen sowie generell zu jungen Menschen und deren Anliegen bewusst sein und diese immer wieder reflektieren. Dies trage maßgeblich zum Gelingen von Beteiligungsprozessen bei.
2.8.1 Sensibilisierung für die Lebenswelt und Lebenslagen junger Menschen
Junge Menschen schilderten im NAP-Prozess, dass in Formaten der Kinder- und Jugendbeteiligung häufig keine Rücksicht auf jugendspezifische Anforderungen genommen wird Politik, Verwaltung und Fachkräfte würden in diesen Fällen eher ihre eigenen Bedarfe und Wünsche umsetzen. Die Rahmenbedingungen der Prozesse seien zudem für Erwachsene gestaltet und nicht jugendgerecht. Als Beispiel wurde genannt, dass jungen Menschen oft nur sehr kurze Fristen für Rückmeldungen und Stellungnahmen eingeräumt würden, durch langsame Verwaltungsprozesse aber wiederum eine Rückmeldung der Gegenseite lange auf sich warten ließe. Teils so lange, dass dies in Konflikt mit den schnell wechselnden und flexiblen Lebensrealitäten junger Menschen stehe. Ein Verständnis und eine Sensibilisierung für die Lebenswelt und Lebenslagen junger Menschen sei daher eine Grundbedingung für einen gelingenden Beteiligungsprozess.
Mehrfach wurde im NAP-Prozess betont, dass Entscheidungsträgerinnen und -träger aus Politik und Verwaltung sowie Fachkräfte den direkten Austausch mit jungen Menschen suchen sollten, um Barrieren und Berührungsängste abzubauen und deren Perspektiven besser nachvollziehen zu können. So wurde vorgeschlagen, dass Austauschformate in informellere Settings verlegt werden könnten und in diesem Zusammenhang etwa „Pizza und Politik“-Abende im lokalen Jugendzentrum als gute Praxisbeispiele genannt. Weitere niedrigschwellige Austauschformate könnten etwa eine von jungen Menschen für Politikerinnen und Politiker organisierte Stadttour sein, bei der die jeweilige Bedeutung der Stationen der Tour für junge Menschen erklärt werden. Auch Analysen ihres Sozialraums durch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene selbst und deren öffentliche Vorstellung könnten Verständnis für die Lebenswelt junger Menschen schaffen. Wichtig sei es, dass die jungen Menschen selbst zu Wort kämen und ihre Bedarfe darlegen könnten. Dies könnte, wenn kein Zusammentreffen möglich sei, auch über O-Töne geschehen, sodass sich zumindest indirekte Begegnungen mit der Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen schaffen ließen.
2.8.2 Fehlerkultur und Beteiligung als ergebnisoffener Prozess
Von den NAP-Teilnehmenden wurde wiederholt darauf verwiesen, dass Beteiligung ein ergebnisoffener und nicht notwendigerweise ein linearer Prozess sei. Zwischenschritte müssten im Vorhinein definiert, regelmäßig evaluiert und angepasst werden können. Dazu brauche es einen regelmäßigen Austausch aller Beteiligten auf Augenhöhe sowie die Offenheit und Bereitschaft, auch Fehler machen zu dürfen und diese sowie weitere Probleme im Prozess offen zu diskutieren. Im Zuge eines „Learning by Doing“-Ansatzes ergäben sich relevante Fragen und Diskussionen nämlich teilweise erst im Prozess. Auch das Scheitern eines gesamten Beteiligungsprozesses müsse angemessen mit den Beteiligten reflektiert werden. Im Zuge einer Evaluation beziehungsweise einer transparenten und offenen Fehlerkultur könnten wertvolle Lernerfahrungen für nachfolgende Beteiligungsprozesse erarbeitet und gesammelt werden (siehe auch Kapitel 2.10). Beispiele guter und schlechter Beteiligungspraxis sollten über den eigenen Kontext hinaus geteilt werden, um insgesamt zur Entwicklung von Kinder- und Jugendbeteiligung beizutragen.
Eine transparente Kommunikation gegenüber Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bezüglich der an den Prozess gestellten Erwartungen sei von großer Bedeutung. Dies beinhalte Transparenz hinsichtlich der Abläufe, möglicher Hürden sowie Erwartungen an die Ergebnisse und eine mögliche Wirkung der Beteiligung.
2.8.3 Haltung und Reflexion
Die Haltung Erwachsener zu Kinder- und Jugendbeteiligung hat Einfluss darauf, ob junge Menschen sich in Beteiligungsprozessen ernst genommen fühlen und die Prozesse Wirksamkeit entfalten können – so lautet ein zentrales Ergebnis aus dem NAP-Prozess. Wird die Einbeziehung junger Menschen nur als zusätzliche Arbeitsaufgabe betrachtet, ohne den gesellschaftlichen Mehrwert und die positiven Effekte und Chancen von Beteiligung anzuerkennen oder zu verstehen, ist nicht mit einer hohen intrinsischen Motivation der Erwachsenen im Beteiligungsprozess zu rechnen. Dagegen seien Kompromissbereitschaft auf allen Seiten sowie eine positive Einstellung zu Kinder- und Jugendbeteiligung nötig. Je nach Kontext müsse entschieden werden, inwieweit Macht bewusst mit jungen Menschen geteilt oder an diese abgegeben werden soll. Auch sei die Unterscheidung zwischen reiner Anhörung junger Menschen oder einer Beratung durch junge Menschen essenziell. Daher sei es unabdingbar, auch die am Beteiligungsprozess mitwirkenden Erwachsenen frühzeitig und gut vorbereitet einzubinden. Die Beteiligung von jungen Menschen könnte auch als konstruktives Korrektiv für die Politik der Erwachsenen betrachtet werden. Der direkte Austausch mit jungen Menschen sowie eine entsprechende Sensibilisierung könnten dazu beitragen, eine beteiligungsfördernde Haltung bei Fachkräften sowie in Politik und Verwaltung (weiter) zu entwickeln.
Die Etablierung und Förderung wirksamer Kinder- und Jugendbeteiligung hänge derzeit meist noch zu sehr vom persönlichen Engagement einzelner Fachkräfte und Personen mit Entscheidungsbefugnis ab, so die Aussagen aus dem NAP. Eine Empfehlung im NAP-Prozess schlägt in dieser Hinsicht beispielsweise vor, dass Kinder- und Jugendbeteiligung, wo es Sinn ergibt, Teil des Aufgabenprofils von Mitarbeitenden der Verwaltung und Fachkräften wird. Beteiligung sollte dazu querschnittlich bei allen Aufgabenbereichen mitgedacht werden.
Die NAP-Mitwirkenden machten darüber hinaus deutlich, dass Entscheidungsträgerinnen und -träger aus Politik und Verwaltung, die in Beteiligungsprozesse involviert sind, ihre Haltung zu Kinder- und Jugendbeteiligung selbstkritisch reflektieren sollten. Dies sollte die Reflexion von Machtstrukturen und des Machtgefälles zwischen jungen Menschen und Erwachsenen beinhalten. Als weitere notwendige Punkte der Reflexion wurden mögliche diskriminierende Vorstellungen und Praktiken gegenüber jungen Menschen (siehe auch Kapitel 2.4) und dementsprechende Wertvorstellungen genannt. Spezifisch auf den Beteiligungsprozess müssten zudem die eigenen Prioritäten und Zeitvorstellungen kritisch hinterfragt werden, um auch das eigene Erwartungsmanagement entsprechend an die Bedarfe junger Menschen anpassen zu können.
2.8.4 Qualifizierung
Qualifizierungen sind ein weiteres im NAP-Prozess angeführtes Mittel, um Verständnis für und Wissen über Kinder- und Jugendbeteiligung bei Erwachsenen aus den verschiedenen Kontexten, in denen Beteiligung stattfindet, zu fördern. Bisher ist das Thema Beteiligung allerdings oft nicht Inhalt von Ausbildung und Studium von Fachkräften, Mitarbeitenden und Entscheidungsträgerinnen und -trägern aus Politik, Verwaltung und weiteren Beteiligungskontexten. Es wurde im NAP-Prozess empfohlen, das Thema Kinder- und Jugendbeteiligung als verpflichtenden Inhalt der Ausbildung von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Fachkräften sowie zuständigen Vertretungen in Politik und Verwaltung zu etablieren. Die Qualifizierungen könnten etwa die Form von Workshops haben, die von beteiligungserfahrenen Trägern durchgeführt werden und auch eine Peer-to-Peer-Komponente beinhalten.
Auch sollten Führungskräfte, beispielsweise in der Verwaltung, zu Kinder- und Jugendbeteiligung qualifiziert werden, um diese für das Thema zu sensibilisieren und sie zu motivieren, Beteiligung systematisch in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen und Abteilungen zu verankern. Fachkräfte und Mitarbeitende der Verwaltung sollten sich laut Empfehlungen im NAP-Prozess stetig weiterbilden und Beteiligung als eine inhaltliche Spezialisierung innerhalb ihres Aufgabenbereichs begreifen. Eine Aufnahme der Qualifizierungsmaßnahmen in Fortbildungskataloge für Verwaltungsstellen würde die systematische Verankerung von Kinder- und Jugendbeteiligung spezifisch für den Verwaltungsbereich befördern. Ein umfassenderer Katalog könnte sogar über das Feld der Verwaltung hinaus systematisch unterschiedliche Qualifizierungen für unterschiedliche Träger und Fachkräfte ordnen und so einen Überblick über das Angebot schaffen. In diesem Zusammenhang wurde auch über zentrale Datenbanken für Referierende und Fachkundige sowie Koordinierungsstellen für Qualifizierungsangebote beraten.
Eine Frage, die sich aus den Diskussionen auf den NAP-Veranstaltungen ergab, ist, ob Qualifizierungen für die unterschiedlichen Zielgruppen und Kontexte überhaupt vereinheitlicht werden können oder sollten. Ein vielfältiges Qualifizierungsangebot könne, so eine Empfehlung, besser auf spezifische Rahmenbedingungen eingehen und vielfältigere Zielgruppen gewinnen. Übergreifend wurde jedoch festgestellt, dass für Qualifizierungen zusätzliche zeitliche und finanzielle Ressourcen bereitgestellt werden müssten. Diese sollten direkt bei der Ressourcenplanung des Beteiligungsprozesses mitgedacht werden, sodass im Anschluss an die Qualifizierung der Beteiligungsprozess angestoßen werden könnte.
Das Thema Qualifizierung wurde im NAP-Prozess aber nicht nur im Kontext von Fort- und Weiterbildungen oder qualifizierenden methodischen Workshops aufgegriffen: So können kurze Handreichungen für Fachkräfte und Verwaltungspersonal dazu beitragen, die Relevanz von Beteiligung zu verdeutlichen. Neben wissenschaftlicher Fachliteratur ist auch zugängliche, praxisorientierte und auf die Zielgruppen angepasste Fachliteratur sinnvoll.