Brücken bauen abseits des Mainstreams?

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Hinter einer Steinmauer steht ein kleiner Backstein-Turm, auf dem eine Litauen-Flagge weht. Im Hintergrund sieht man eine Großstadt

Anmerkung: „Ich habe diesen Artikel geschrieben, bevor in der Ukraine ein Krieg ausgebrochen ist. Nun ist er aktueller denn je: Friedlicher Dialog und Brücken bauen – das soll die Botschaft sein. Jetzt erst recht!“

Ein halbes Jahr in Litauen – das habe ich im Rahmen meines Studiums in der zweitgrößten Stadt Kaunas verbracht. Im Gepäck hatte ich Nachfragen, Unsicherheiten und Wissenslücken meiner Bekannten und von mir selbst, denn: Unsere EU-Freundinnen und Freunde im Nordosten kennen wir viel zu wenig. Viele junge Leute sind auf dem Weg, das zu ändern – im Rahmen von europäischen Initiativen und auf eigene Faust.

Unbekanntes Litauen?

„Litauen?! Das ist ja mal was anderes! Was ist denn da die Hauptstadt? Riga? Zahlt man da überhaupt mit dem Euro? Spricht man da Russisch?“ Vor meinem Auslandssemester in Litauen wurde ich von diesen Aussagen und Nachfragen begleitet. Das Interesse an meiner Zeit in Kaunas war groß und irgendwie sorgte meine Erasmus-Planung für mehr Interesse als zuvor erwartet. Die Nähe zu Russland, die sowjetische Vergangenheit und die Tatsache, dass die Geschichte der baltischen Staaten nicht unbedingt Teil des Geschichtsunterrichts ist, machen die Gegend an der Ostsee leider fremd.  Dabei ist sie so spannend! Wer wusste zum Beispiel, dass die Revolution im Zuge der Unabhängigkeit die „Singende Revolution“ genannt wurde oder Basketball in Litauen Nationalsport ist?

Warum in Litauen studieren?

Das Baltikum war schon zu Zeiten der Hanse (Zusammenschluss von Handelsstätten im Mittelalter) zentral im europäischen Handel und für mich daher schon seit einiger Zeit mein Wunschort für das Auslandssemester. Die Universität in Kaunas bietet ein breites Angebot an englischsprachigen und spannenden Kursen an – das hat mich dann letztendlich von der Uni in Kaunas überzeugt. Ich hatte Lust auf einen neuen Blick auf Europa. Und damit war ich nicht alleine: „Ich kannte Teile Westeuropas schon von Austauschen und Urlauben und wollte Osteuropa sowie die baltischen Staaten kennenlernen und zwar nicht durch Lehrmeinungen sondern vor Ort. Dieser Perspektivwechsel war mir wichtig, denn auch Litauen ist seit nunmehr 18 Jahren in der EU.“ Das war die Motivation meiner ehemaligen Mitbewohnerin Mia, die ihr Auslandssemester in der litauischen Hauptstadt Vilnius verbracht hat.

Eine kurze Geschichte Litauens

Seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1990 – als erste Sowjetrepublik – haben sich Litauen und das Baltikum ins politische und gesellschaftliche Zentrum Europas bewegt. Auf die Mitgliedschaft in der EU und NATO 2004 folgte 2015 die Einführung des Euros. Und was viele vielleicht nicht wissen: Litauen hat eine direkte Grenze zu Russland, das Gebiet Kaliningrad an der Ostsee und eine EU-Außengrenze, die Grenze zu Belarus.

Die Uni, an der ich zu Gast war, wurde schon 1922 gegründet (damals war Kaunas die litauische Hauptstadt, weil Vilnius von polnischen Truppen besetzt wurde) und hat tatsächlich zwei Namen. Vytautas-Magnus-University ist nur die englische Übersetzung der nach dem Großfürsten Vytautas benannten Einrichtung, die eigentlich Vytauto Didžiojo universitetas heißt. Und als diese Verwirrung gelöst war konnte ich feststellen, wie international das Lernumfeld in Kaunas ist: Die Universitäten vor Ort sind gut vernetzt und unterhalten zahlreiche Partnerschaften zu anderen Universitäten in Europa. Und mal unter uns: Von den englischsprachigen Websites der Universitäten können sich einige in Deutschland ein Beispiel nehmen. Und trotzdem titelt das Magazin Focus 2016 „Abseits des Mainstreams – Erasmus in Osteuropa lohnt sich“.

Kaunas als Kulturhauptstadt Europas

Abseits des Mainstreams? Das erklärt die vielen Fragen und Unsicherheiten, die mir zu Beginn meiner Zeit in Osteuropa entgegengebracht wurden und tatsächlich wissen wir überraschend wenig über ein paar Länder, die wie wir Teil der europäischen Gemeinschaft sind. Dabei sind Litauen und gerade Kaunas 2022 so gar nicht abseits des Mainstreams. Bestes Beispiel: Nach Vilnius im Jahr 2009 ist Kaunas dieses Jahr eine der drei offiziellen Kulturhauptstädte Europas. Unter dem Motto „Von der Gegenwart in die Moderne“ präsentiert sich Kaunas als moderne, weltoffene Stadt und zeigt die heutigen Werte der lokalen und europäischen Gesellschaft. Der Titel der Kulturhauptstadt wird seit 1985 vergeben und soll Reichtum, Vielfalt und Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes in Europa deutlich machen und Brücken zwischen den Staaten bauen.

Zu sehen ist ein pompöses Gebäude in der litauischen Stadt Kaunas. Es ist Winter.
Kulturhauptstadt Kaunas 2022

Die Brückenbauerinnen und Brückenbauer, das sind die jungen Litauerinnen und Litauer, die ich in Kaunas kennenlernen konnte. „Volunteer“ stand auf den knall-orangenen Jacken, die die jungen Leute trugen, die bei der Kulturhauptstadt als Freiwillige mitwirkten: Social Media, Ausstellungen planen, Vernetzen – Aufgaben gab es viele. Und so sind es die jungen Menschen, die Kaunas von der Gegenwart in eine europäische Moderne bringen und die baltische Stadt mit Europa verbinden. Genau wie die vielen internationalen Studierenden, die jedes Semester aufbrechen, um neue Perspektiven zu erleben.

Ein junger Mensch steht auf der Chernobyl-Brücke inmitten eines Nadel-Walds.
Laureen auf der Chernobyl-Brücke

Brücken in Europa bauen

Europa – das ganze Europa – kennenlernen, Vorurteile abbauen und Unwissenheit entgegenwirken. Junge Menschen können hier viel bewirken, wenn sie und ihr Engagement für Europa denn gehört werden. 2022 ist deshalb auch das europäische Jahr der Jugend. Ziel der EU ist es, junge Menschen zu unterstützen, einzubinden und den jungen Ideen Wertschätzung auszudrücken. Aber auf institutioneller Ebene passiert noch mehr: Die EU-Jugendstrategie soll die jugendpolitische Zusammenarbeit auf EU-Ebene stärken.

Brücken bauen – das funktioniert nicht mit gefährlichem Halbwissen über die Vergangenheit der EU-Mitgliedsstaaten im (Nord)-Osten, sondern über Austausch und Offenheit. Und damit ist klar: Die Architekten der europäischen Brücken sind wir.

Quellen

Bundesregierung „Europas Kulturhauptstädte 2022“ unter https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/europas-kulturhauptstaedte-1994514

Bundesregierung „Europäisches Jahr der Jugend“ unter https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/europaeische-jahr-jugend-1994478

Europäische Union „EU-Jugendstrategie“ unter https://europa.eu/youth/strategy_de

Planet Wissen „Litauen“ unter https://www.planet-wissen.de/kultur/baltische_staaten/litauen/index.html

27 Jahre alt, Studentin

Moin, ich bin Laureen. Politik & Medien – so würde ich meine Interessen in 2 Wörtern beschreiben. Dafür habe ich die Provinz Ostwestfalen-Lippe verlassen und bin zum Studium erst nach Erfurt gezogen und für meinen Master nun nach Aalborg. Wie können wir Medien nutzen, um Politik & Gesellschaft demokratischer und partizipativer zu machen? Das möchte ich wissen!

Laureen Hannig / Gastautorin

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