Wie jedes Jahr fand am 05. Mai 2023 der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen statt. Unter dem diesjährigen Motto „Zukunft barrierefrei gestalten“ zogen auch dieses Jahr Tausende Menschen mit und ohne Behinderung durch die deutschen Städte und machten aufmerksam auf ihr Recht auf Selbstbestimmung und Teilhabe.
Angestoßen wurde der Protesttag 1992 von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland. Damals verfolgte die Behindertenbewegung das Hauptziel, eine rechtliche Gleichstellung von Menschen mit Behinderung zu schaffen. Heute geht es um weit aus mehr. Der Protest soll auf Diskriminierung und fehlende Inklusion aufmerksam machen. In Berlin werden schon seit vielen Jahren zu diesem Tag Aktionen und eine große Demo vom Berliner Behindertenverband organisiert.
UN-Behindertenrechtskonvention
Mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) hat sich Deutschland neben 181 weiteren Staaten 2009 verpflichtet, Menschen mit Behinderung unter anderem Nicht-Diskriminierung, Chancengleichheit und Inklusion zu ermöglichen. Die UN-BRK gibt ein verbindliches Regelwerk vor und macht Vorgaben, wie Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung umzusetzen ist. Jedoch wurden viele der Vorgaben bis heute nicht umgesetzt, was viele betroffene Menschen enttäuscht und weiterhin Benachteiligung schafft. Laut dem Rat der Europäischen Union fühlt sich jede zweite in der EU lebende Person mit Behinderung diskriminiert.
Forderungen
Die Liste der Forderungen ist lang. Gefordert wird beispielsweise schulische Inklusion an Regelschulen. Hierfür haben sich übrigens die Staaten mit der Unterzeichnung der UN-BRK eigentlich schon längst verpflichtet. Förderschulen sollen abgebaut und ein inklusiver Unterricht an Regelschulen ermöglicht werden. Dies ist laut Expert:innen nur mit besseren Rahmenvoraussetzungen wie kleinere Klassen, mehr Sonderpädagog:innen und verbesserter Lehrer:innenausbildung möglich. Klar ist: Menschen mit Förderbedarf brauchen bessere Unterstützung. Das derzeit größte Problem sei der Übergang von Förderschule zu weiterführenden Lebenswegen. Menschen, die zuvor an Sonderschulen unterrichtet wurden, haben schlechtere Chancen, später auf den 1. Arbeitsmarkt integriert zu werden.
Eine weitere Forderung ist die Barrierefreiheit auf diversen Ebenen. Menschen mit Behinderung erleben in ihrem Alltag noch immer zahlreiche Diskriminierung aufgrund mangelnder Barrierefreiheit. Beispielsweise die Zugänglichkeit von Gebäuden oder Verkehr. Aber auch die Bereitstellung von barrierefreien Informationen muss mehr ausgebaut werden. So brauchen beispielsweise Webseiten mehr Inhalte in Leichter- und Gebärdensprache.
Der Demozug in Berlin
In Berlin ging der große Demozug ab 14 Uhr am Brandenburger Tor los. Dort versammelten sich Tausende Menschen mit und ohne Behinderung. Gemeinsam zogen sie über die Straße „Unter den Linden“ bis vor das Rote Rathaus, wo die Kundgebung stattfand. Auf dem Weg wurden die Forderungen lautstark geäußert und friedlich demonstriert. Auch für mich, der die Behindertenbewegung seit einigen Jahren aktiv mitgestaltet, ist der 5. Mai jedes Jahr ein ganz besonderer Tag. Ein Tag, an dem alle Mitstreiter:innen zusammenkommen und gemeinsam für unsere Rechte einstehen. Auch treffe ich an diesem Tag immer viele Bekannte wieder. Es fühlt sich extrem gut an, ein Event zu haben und zu sehen, wie viele Gleichgesinnte es gibt. Ich freue mich auf nächstes Jahr!
Euer
Linus
Quellen:
https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/520659/5-mai-europaeischer-protesttag-fuer-die-gleichstellung-von-menschen-mit-behinderung/ (Abgerufen am 02.06.2023)
https://www.protesttag-behinderte.de/ (Abgerufen am 02.06.2023)


