Eliten – das sind laut Duden die „Besten“ und die „Führenden“, eine kleine Gruppe von Menschen mit besonderen Fähigkeiten und Begabungen. Von dieser Definition dürften die sogenannten Eliteuniversitäten ihren Namen abgeleitet haben. Denn studieren darf dort nur, wer sich gegen zahlreiche Mitbewerber:innen durchsetzt und das harte Auswahlverfahren übersteht.
Um diese vor allem in den USA und Großbritannien anzutreffenden Hochschulen ranken sich viele Legenden und Versprechen, aber auch Kritik. Doch wie steht es wirklich um die Eliteuniversitäten und wer studiert dort genau? Ein Gespräch mit Florian Brunner, Master-Student in Oxford, bringt Licht in die dunklen Gänge der Eliteuniversitäten.
Eliteuniversitäten: Berühmt, berüchtigt und kritisiert?
Fast jede:r kann mindestens einen Namen einer Eliteuniversität nennen – unabhängig von der eigenen Bildungsgeschichte und sozialen Herkunft. In Film und Fernsehen sind Hochschulen wie Harvard, Cambridge oder Yale immer wieder Gegenstand von Geschichten. Oftmals inszeniert mit Hogwarts-ähnlichen Gängen und Räumen und begleitet von einem Versprechen: Wer hier studiert und graduiert, wird Erfolg haben und zu den Besten gehören.
In den letzten Jahren wurde jedoch die Kritik an solchen Institutionen lauter. Es ist die Rede von strukturellen Nachteilen für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Das Stichwort: Bildungsungerechtigkeit. Denn nicht alle jungen Menschen haben die gleiche Chance, an einer der Eliteuniversitäten aufgenommen zu werden. Geld und soziale Herkunft spielen beim Auswahlprozess eine große Rolle. So hat zum Beispiel ein Großteil der Studierenden an britischen Eliteuniversitäten zuvor eine der wenigen britischen Privatschulen besucht.
Die soziale Herkunft entscheidet über die Bildungsgeschichte
Noch immer ist die soziale Herkunft für die Bildungsgeschichte junger Menschen entscheidend: Kinder aus Familien, in denen noch niemand studiert hat – sogenannte Arbeiterkinder oder First-Generation-Students – sind statistisch betrachtet deutlich weniger an Hochschulen vertreten. In Deutschland besuchen 27 Prozent der Schüler:innen aus nicht-akademischen Haushalten eine Universität. Bei Jugendlichen, deren Eltern studiert haben, sind es dagegen ganze 79 Prozent. Ein deutlicher Unterschied!
Florians Weg an die Eliteuniversität
Florian Brunner gehört zu den 27 Prozent. Er hat in München seinen Bachelor gemacht und studiert aktuell im Master an der Universität in Oxford. Florian, so sagt er selbst, ist in seinem Studiengang eine Seltenheit: Er ist ein First-Generation-Student. Im Gegensatz zu vielen Studierenden an seiner Uni war dieser Weg alles andere als vorgezeichnet: „Ein Dozent hat mir gegenüber Oxford angesprochen. Vorher habe ich mir nie Gedanken gemacht, ob ich da studieren würde. Ich hatte auch nie jemanden von so einer Universität getroffen und damit gar keine konkreten Vorstellungen.“
Was vorher gar nicht denkbar schien und eigentlich nie eine Option war, wurde dank der ermutigenden Worte und Unterstützung von Dozierenden in München zu einer realen Möglichkeit. Auch geschlossene Kontakte im Rahmen seines Stipendiums im Bachelorstudium machten Florian Mut. Nach einem Auslandssemester am Institut für politische Studien in Paris „Sciences Po“ hatte Florian dann ein Motto: „Einfach versuchen und alles probieren“.
Während des Bewerbungsprozesses hatte Florian immer einen Backup-Plan: Hätte es in Oxford nicht funktioniert, dann wäre Florian für seinen Master in Deutschland geblieben, zum Beispiel an seiner bisherigen Uni in München. Nur mit diesem Plan B konnte er sich auf die Bewerbung einlassen: „Eigentlich habe ich bis zum Ende gezweifelt, ob das etwas wird. Ich hatte keine Ahnung, was die Kriterien sind und wie ich als Bewerber sein muss.“
Das Studium in Oxford und der Wunsch nach Bildungsgerechtigkeit
US-amerikanische und britische Eliteuniversitäten haben neben hohem Prestige und hochkarätiger Besetzung auch hohe Studiengebühren. Ohne das deutsche Stipendium bei einer Stiftung und einem Vollstipendium aus Oxford hätte der 24-jährige Florian seinen Weg auf die Insel nicht gefunden.
Mit den anderen jungen Menschen aus seinem Studienfach und Jahrgang kommt Florian sehr gut klar. Er hat jedoch auch den Eindruck, dass er anders ist. Für ihn ist Oxford etwas Besonderes – keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis von Fleiß, Ehrgeiz und einer gewissen Portion Glück. Für andere Mitstudierende, für die auch die Studiengebühr kein Problem darstellt, hat Oxford – so kommt es Florian manchmal vor – nicht immer die gleiche besondere Aura, dieses gewisse Etwas.
Mit seiner Bildungsgeschichte und dem familiären Hintergrund ist der Student aus Bayern auf den Fluren oft allein: „Ich freue mich dann immer, wenn ich Leute wie mich treffe. Studierende, die eine ähnliche Bildungsgeschichte haben!“

Wenn Oxford, Cambridge und dergleichen in (medialen) Debatten kritisiert werden, dann geht es häufig um Leistungsdruck, um die Vorteile wohlhabender Familien, Bildungsungerechtigkeit und das Festhalten an konservativen Strukturen. Während des Studiums in München war Florian ehrenamtlich bei Arbeiterkind.de aktiv. Die Initiative setzt sich deutschlandweit für Studierende der ersten Generation ein und unterstützt so zum Beispiel durch Mentoring Schüler:innen auf dem Weg an die Hochschule.
Wie geht Florian mit den strukturellen Ungleichheiten an der Eliteuniversität um? „Ich versuche das System von innen zu verändern – setze mich hier an meinem College für mehr Diversität mit einem besonderen Fokus auf soziale Herkunft ein.“ Außerdem gibt er seine Erfahrungen weiter: Im Team Deutschland der internationalen NGO Project Access unterstützt Florian junge talentierte Menschen aus weniger privilegierten Verhältnissen bei der Bewerbung an ähnlichen ausländischen Universitäten.
Studium an der Eliteuniversität: ein Muss?
Eine Antwort auf diese Frage konnte Florian direkt geben: „Die Qualität der Lehre ist an deutschen Unis nicht schlechter als jetzt in Oxford!“ Was bleibt, sind der Name der Uni im Lebenslauf und ein großes Netzwerk an jungen Menschen, die (wenn man dem Ruf der Universität glaubt) später einmal Karriere machen werden. Florian hebt einen Aspekt dabei besonders hervor: Für seine persönliche Berufs- und Karriereplanung konnte er in Oxford genau die richtigen Menschen treffen und Inhalte bearbeiten. Die anderen Studierenden inspirieren ihn. Der Austausch hilft weiter und eröffnet zugleich viele neue Perspektiven.
Ob eine Eliteuniversität eine gute Studienwahl ist, hängt aber von vielen Faktoren ab: Für welche Studieninhalte und Perspektiven interessiert man sich genau? Welche beruflichen Ziele werden verfolgt? Wo kann man sich selbst am besten einbringen und entwickeln? Eine Eliteuniversität muss dabei nicht unbedingt die Antwort sein. Florian Brunner möchte wahrscheinlich promovieren, interessiert sich konkret für die Studieninhalte und das Umfeld in Oxford. So ist seine persönliche Entscheidung gefallen: „Ein Muss ist das aber auf keinen Fall!“
Quellen:
Arbeiterkind.de. https://arbeiterkind.de/ueber-uns (Letzter Zugriff: 07.07.2023)
Hochschulbildungsreport 2020 – Abschlussbericht 2022. https://www.hochschulbildungsreport.de/sites/hsbr/files/hochschul-bildungs-report_abschlussbericht_2022.pdf (Letzter Zugriff: 07.07.2023)
Eldem, R. (2019). Über die Abgründe einer Elite-Uni: Mythos Cambridge. TAZ. https://taz.de/Ueber-die-Abgruende-einer-Elite-Uni/%215623388/ (Letzter Zugriff: 07.07.2023)
Richter, P. (2015). College-Kultur in den USA – Der Efeu welkt. Süddeutsche Zeitung. https://www.sueddeutsche.de/bildung/college-kultur-in-den-usa-der-efeu-welkt-1.2231512 (Letzter Zugriff: 07.07.2023)


