Viele Wege führen ins Ausland

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Universidade Federal Fluminense in Brasilien

Zugegebenermaßen waren es die Neugier und eine gewisse „Abenteuerlust“, die mich nach meinem Schulabschluss für einen längeren Aufenthalt ins Ausland zogen. Dabei musste ich für meinen ersten Auslandsaufenthalt, das sogenannte Work and Travel, lange sparen. Sonst hätte ich mir – inklusive finanziellem Rückhalt meiner Familie – den teuren Flug, die Impfkosten und das Leben vor Ort nicht leisten können. In meinem Bachelor-Studium war dann ebenfalls ein Auslandsaufenthalt zu integrieren und auch hier stellte sich mir die Frage: Kann ich mir das leisten?

Warum sollte ich ein Auslandssemester absolvieren?

Egal ob (Teil-)Studium an einer ausländischen Hochschule, Auslandspraktikum, Sprachkurs im Ausland, Summerschool oder Studienexkursion – die Wege ins Ausland sind vielfältig. Ob als Wahl- oder Pflichtbestandteil im Studium, im Jahr 2020 absolvierten in Deutschland über 133.000 Studierende ein Auslandssemester. Studien zeigen, dass Auslandsaufenthalte sich unter anderem positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken können.

Den Alltag in einem unbekannten kulturellen Umfeld zu meistern ist mit der Überwindung von Ängsten und Stress verbunden. Die Auseinandersetzung mit diesen neuen Gegebenheiten lehrt uns, mit unbekannten Situationen umzugehen und in neuen Räumen zu interagieren. Gleichzeitig lernen wir neue Perspektiven kennen und hinterfragen im besten Fall gesellschaftlich konstruierte Vorstellungen, die sich in uns gefestigt haben, sowie unsere eigenen Privilegien.

Forschungen zeigen außerdem, dass Auslandserfahrungen die transkulturelle Kompetenz verstärkt, also die Fähigkeiten mit Personen verschiedener Lebenswelten respektvoll zu interagieren. Auch der Ehrgeiz auf beruflicher und akademischer Ebene soll dadurch angekurbelt werden. In unserer leistungsorientierten globalisierten Welt, in der Unternehmen verstärkt international agieren, können Auslandsaufenthalte also durchaus einen Pluspunkt im Lebenslauf darstellen.

Ungleiche Zugänge

Nachweislich spielen insbesondere die soziale- und Bildungsherkunft, das Geschlecht, eine Elternschaft sowie das Alter der Studierenden eine Rolle: Junge weibliche Personen, die aus Elternhäusern mit hohem Bildungsabschluss, Berufsstatus und Einkommen stammen, gehen tendenziell eher für Studienaufenthalte ins Ausland. Auch Ungleichheiten aufgrund von Herkunft und Migration spielen hier mit rein, wenn auch diese Faktoren in der Forschung noch nicht so viel Raum einnehmen.

Weitere Steine auf dem Weg…

Eine Sozialerhebung von 2021 zeigt, dass die Trennung vom sozialen Umfeld im Heimatland einer der schwerwiegendsten Gründe für eine Entscheidung gegen einen Auslandsaufenthalt ist. Hinzu kommen bürokratische Prozesse, wie das Beantragen des Visums und die Anerkennung von Leistungen aus dem Auslandsaufenthalt, sowie die rechtzeitige Organisation von Anreise, Unterkunft, einer Auslandskrankenversicherung und Reiseschutzimpfungen.

Der Blick vom Campus der Universidade Federal Fluminense, Brasilien
Der Blick vom Campus der Universidade Federal Fluminense, Brasilien
© Melissa Costa Baptista

Ein weiteres Hindernis ist die finanzielle Komponente: Rund 70 Prozent aller Mobilitätsstudierenden gaben an, den Auslandsaufenthalt mit der finanziellen Unterstützung von Eltern und/oder Partner:innen zu stemmen. Rund die Hälfte nutzt zudem (zumindest teilweise) Verdienste aus Tätigkeiten vor dem Aufenthalt. Insbesondere Studierende, die nicht auf diese finanziellen Ressourcen zurückgreifen können, müssen sich also rechtzeitig um Finanzierungs- und Förderprogramme kümmern.

Sich zurechtfinden im Wald der Programme und Finanzierungsmöglichkeiten

Um studienbezogene Auslandsaufenthalte für alle Studierenden zugänglicher zu machen, müssen Hürden abgebaut werden. Mit dem Bereitstellen von Informationen ist bereits ein wichtiger Schritt getan, denn die Möglichkeiten hinsichtlich der Programme und Finanzierungsmöglichkeiten sind äußerst vielfältig. Die erste Anlaufstelle sollte immer die Beratungsstelle der eigenen Universität oder Hochschule sein, immerhin erfolgten im Jahr 2021 rund 26 Prozent der studienbezogenen Auslandsaufenthalte über Programme der Heimathochschulen. Diese pflegen in der Regel ihre Internetseiten zu (hochschuleigenen) Mobilitätsprogrammen und Finanzierungsmöglichkeiten wie beispielsweise Stipendien sehr gut. Der Blick darauf lohnt sich also!

Das derzeit populärste Programm ist ERASMUS+. Im Jahr 2021 sind 65 Prozent aller studienbezogenen Auslandsaufenthalte an deutschen Hochschulen darüber realisiert worden. Das Programm umfasst sowohl Studienaufenthalte als auch Praktika in insgesamt 33 Ländern: den EU-Mitgliedstaaten, Drittstaaten in Europa und im Falle eines Praktikums auch außerhalb Europas. Die Leistungsanerkennung ist mit ERASMUS+ verhältnismäßig einfach. Außerdem werden Studierenden die Studiengebühren im Zielland erlassen; sie erhalten ein zusätzliches Stipendium und gegebenenfalls weitere Aufstockungsbeträge.

Teilstipendien, wie PROMOS, lassen sich häufig mit Mobilitätsprogrammen und weiteren Förderungen kombinieren. Beispielsweise lässt sich das Deutschlandstipendium (besondere Empfehlung für Studierende aus nicht-akademischen Haushalten und mit Migrationsgeschichte) mit ERASMUS+, dem Auslands-BAföG und dem ASA-Programm von Engagement Global kombinieren. Letzteres bewegt sich wiederum im Bereich des entwicklungspolitischen Engagements. Es vermittelt und fördert Auslandspraktika (mitunter mit Forschungsbezug). In dem Zusammenhang unternimmt Engagement Global auch den Versuch, sich kritisch mit der Entwicklungszusammenarbeit auseinanderzusetzen.

Weitere Stipendien finden sich über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) sowie über die Programme der parteinahen Stiftungen: Ein Blick zum Beispiel auf die Internetseiten der Heinrich-Böll– oder Rosa-Luxemburg-Stiftung lohnt sich insbesondere für politisch aktive Studierende. Weitere praktische Seiten zum Informieren sind unter anderem die des Deutschen Studierendenwerks und Wege ins Ausland.

Unterm Strich

Studienbezogene Auslandsaufenthalte sind absolut kein Muss! Ob sie sinnvoll sind, hängt häufig vom Studiengang, der eigenen Motivation und der Bereitschaft ab, ggf. ein oder zwei Semester länger zu studieren. Wegweisend für mich war neben der Vertiefung von fachlichen Inhalten und der Aneignung transkultureller Kompetenz stets, dass sie uns ermöglichen, Fremdsprachen zu vertiefen und zu festigen.

Daher entschied ich mich innerhalb meines Geographie-Bachelors aktiv dafür, meine Studienzeit um ein Jahr zu verlängern. So konnte ich meinen regionalen Schwerpunkt in den Lateinamerikastudien mit einem Auslandsaufenthalt in Brasilien verknüpfen sowie Studium und Praktikum im Ausland sogar kombinieren: Ich studierte ein Semester an der Universidade Federal Fluminense und absolvierte im zweiten Semester ein Praktikum in einem Nationalpark. Trotz des aufreibenden bürokratischen Aufwandes würde ich diese Entscheidung immer wieder treffen.

Und in diesem Sinne verabschiede ich mich, denn es zieht mich für ein Forschungsprojekt im Rahmen des ASA-Programms nach Bolivien. Es gibt noch viel zu organisieren, aber ich bin mir schon jetzt sicher: Ich werde viele neue Eindrücke gewinnen, tolle Erfahrungen machen, Freundschaften schließen, meine sprachliche und transkulturelle Kompetenz vertiefen und eine Menge lernen!

Quellen:

DAAD (o.J.). EU-Stipendien: Erasmus+ Programm. https://www.daad.de/de/im-ausland-studieren-forschen-lehren/stipendien-finanzierung/eu-stipendien-erasmus-plus-programm/ (Letzter Zugriff: 21.07.2023)

Deutsches Studierendenwerk (o.J.). Studium im Ausland. https://www.studierendenwerke.de/themen/studienfinanzierung/auslandsstudium. (Letzter Zugriff: 21.07.2023)

Genkova und Kruse (2021). Auslandsaufenthalt als Kompetenzschule? – Eine empirische Untersuchung der Auswirkungen von Auslandsaufenthalten auf die berufsbezogenen Kompetenzbereiche. https://link.springer.com/article/10.1007/s11612-021-00553-1#Sec12. (Letzter Zugriff: 21.07.2023)

Kroher et al. (2023). Die Studierendenbefragung in Deutschland: 22. Sozialerhebung. https://www.studierendenwerke.de/fileadmin/user_upload/SE22_Hauptbericht_barrierefrei.pdf. (Letzter Zugriff: 21.07.2023)

Netz und Sarcletti (2020). (Warum) beeinflusst ein Migrationshintergrund die Auslandsstudienabsicht? https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-31694-5_5. (Letzter Zugriff: 21.07.2023)

Reichel (2021). Warum es manchmal besser ist, zu Hause zu bleiben. https://www.spiegel.de/start/auslandssemester-was-dagegen-spricht-im-studium-ins-ausland-zu-gehen-a-0f873cf2-9530-436d-9b4b-674b21069a7c. (Letzter Zugriff: 21.07.2023)

Statistisches Bundesamt (2021). Deutsche Studierende im Ausland. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Publikationen/Downloads-Hochschulen/studierende-ausland-5217101217004.pdf?__blob=publicationFile (Letzter Zugriff: 21.07.2023)

Statistisches Bundesamt (2023). Zahl der deutschen Auslandsstudierenden im Corona-Jahr 2020 um 3,3 % gesunken. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/02/PD23_045_21.html. (Letzter Zugriff: 21.07.2023)

29 Jahre alt, Studentin

Moin, liebe Leser:in! Ich bin Melissa, 26 und für den Master Interdisziplinäre Lateinamerikastudien nach Berlin gezogen. Mir ist ein offener Blick, für die Vielfalt der Perspektiven wichtig. In der Servicestelle Jugendstrategie war ich als Werkstudentin beschäftigt. Was mich an dieser Arbeit besonders interessiert hat, ist die Bemühung, die Perspektive von Kindern und Jugendlichen stärker miteinzubeziehen. Denn jede Stimme muss gehört werden!

Melissa Costa Baptista / Gastautorin

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