Liken, Teilen, Posten – politischer „Aktivismus“ vom Sofa?

von  / Gastbeitrag

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Eine Junge Frau sitzt vor einem Laptop

#FridaysForFuture, #OscarsSoWhite, #MeToo, #BlackLivesMatter und #WomensMarch – das ist nur eine kurze Auswahl an Hashtags, die in den letzten Jahren auf sämtlichen digitalen Geräten auftauchten. Was hat das Teilen, Liken und Posten letztendlich verändert? Ist die Welt jetzt ein besserer Ort, könnte man zynisch fragen. Eine Antwort darauf gibt es tatsächlich noch nicht: Die Forschung ist sich uneinig, ob Online-Proteste den klassischen Aktivismus „von früher“ schwächen oder doch eher fördern. 

„Fauler Aktivismus“ bequem vom Sofa – Slacktivismus!?

„Faul“ auf dem Sofa liegen, einen der oben genannten Hashtags verwenden, in der Instagram-Story die Verbunden- oder Betroffenheit bekunden oder eine Online-Petition unterzeichnen, dann aber liegen bleiben und nicht auf die Straße gehen. Politischer Aktivismus mit digitalen Medien ganz einfach vom Sofa – das nennen viele Forscher:innen, aber auch Medien-Vertreter:innen, „Slacktivismus“. „Slack“ ist ein englisches Wort und bedeutet so viel wie „Faulpelz“. Insgesamt können wir „Slacktivismus“ also mit „Faulpelz-Aktivismus“ übersetzen.  

Das Argument ist simpel: Wenn (besonders junge) Menschen ihre Solidaritätsbekundung zu Bewegungen bereits online verkündet haben, bleibt es häufig nur dabei. Aktivismus „wie früher“, also mit öffentlichen Demonstrationen, Plakaten oder politischem Einsatz in den Parlamenten, Organisationen und Institutionen, findet dann nicht mehr statt. Mit der bloßen Online-Aktivität werden laut den Kritiker:innen, neben der eigentlichen Sache, auch persönliche Interessen verfolgt und die eigene Inszenierung in den Fokus gerückt.  

Slacktivismus kann negative Auswirkungen haben

Also ändert der Online-Aktivismus gar nichts? Manche Forschungsrichtungen sind sogar der Ansicht, dass der „Faulpelz-Aktivismus“ soziale Bewegungen schwächt, weil die eigentlichen Inhalte der Proteste (Probleme, Forderungen und Ziele) durch die vielen Inhalte in den Sozialen Medien überschattet werden. Der Hashtag dominiert die Debatte. Die schwarze Kachel, die viel im Kontext der Proteste von „Black Lives Matter“ gepostet wurde, wird für diese mediale Überschattung oft als Beispiel genannt.

Aber auch prominenten Personen wird gerne schnell vorgeworfen, sich online auch zu solidarisieren, um die eigene Reichweite zu erhöhen. Diese Kritik gab es zum Beispiel letztes Jahr, als sich einige Schauspieler:innen #forfreedom (deutsch: für den Frieden) vor laufender Kamera die Haare abschnitten, um sich mit den Frauen und ihren Protesten im Iran zu solidarisieren.

Ist der Aktivismus im digitalen Raum aber vielleicht doch ein Türöffner oder Startpunkt für klassischen Aktivismus auf den Straßen? Dem widerspricht eine Befragung von jungen Studierenden und jungen Erwachsenen in Chile. In der Studie heißt es: Wer einmal im Netz aktiv war, geht danach nicht unbedingt in einen Offline-Aktivismus über. Eher umgekehrt! Wer sich klassisch und analog einsetzt (z.B. in einer Jugendorganisation oder einem Jugendparlament), wird danach eher auch online aktiv.

Junge Menschen blicken auf ihr Handy
Übertrug sich der Online-Protest nicht auf die Straßen? Die Forschung ist sich uneinig!
© Ronja Polzin

Sofa-Aktivismus als Form politischer Beteiligung und niedrigschwelliger Teilhabe

Das ist die eine Perspektive. Der Hashtag #OscarsSoWhite erzählt dagegen eine andere Geschichte. Die Menschen hinter den Oscar-Verleihungen gaben dem öffentlichen Druck nach, besetzten ihre Gremien anders und verschreiben sich zu mehr Diversität. Der „Faulpelz-Aktivismus“ war also effektiv. Den digitalen Medien und den damit verbundenen Partizipations- und Protestmöglichkeiten kann hier also eine bedeutende Rolle zugeschrieben werden.

Besonders junge Menschen kennen sich aus mit den Algorithmen der Plattformen und den Hashtags dieser Welt. Der digitale Raum ist ein Teil ihrer Lebenswelt. Für Kinder und Jugendliche mit ihren begrenzten zeitlichen sowie finanziellen Ressourcen stellt Online-Sofa-Aktivismus oft die einzige Möglichkeit zu politischer Teilhabe dar. Sofa-Aktivismus ist niedrigschwellig, flexibel, kostengünstig und ortsunabhängig – das kann „klassischer“ Aktivismus oft nicht bieten und diesbezüglich „war früher nicht alles besser“.

Auch wenn aus der Forschung unterschiedliche Antworten auf die Frage nach der Effektivität von Online-Aktivismus kommen, ist ein Umstand ganz deutlich: Soziale Medien und digitale politische Teilhabe existieren – in welcher Form auch immer – und wir müssen uns jetzt mit den Chancen und Schwächen auseinandersetzen und Jugendliche unterstützen. Aktivismus aus dem eigenen Zimmer – das ermutigt junge Menschen zu mehr Beteiligung und sensibilisiert sie in ihrer eigenen Lebenswelt für politische Belange. Eines ist dabei in der Debatte ganz wichtig: Die „Faulpelze“ von heute sind oftmals die Wähler:innen von morgen.

Quellen:

Süddeutsche Zeitung. Protestieren fürs Image: https://www.sueddeutsche.de/digital/social-media-proteste-inszenierung-1.4929485 [Letzter Zugriff am 23.02.2023]

Gonzáles, R., Miranda, D. & Chayinska, M. (2021). A longitudinal study of the bidirectional causal relationships between online political participation and offline collective action: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0747563221001333 [Letzter Zugriff am 23.02.2023]

Deutschlandfunk Nova. Aktivismus per Mausklick führt kaum auf die Straße: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/slacktivism-aktivismus-lieber-vom-sofa-aus [Letzter Zugriff am 23.02.2023]

Foreign Policy (Evgeny Morozov). The brave new world of Slacktivism: https://foreignpolicy.com/2009/05/19/the-brave-new-world-of-slacktivism/ [Letzter Zugriff am 23.02.2023]

The Oxford Student. Activism or “Slacktivism”: Can social media really make a difference: https://www.oxfordstudent.com/2020/11/09/activism-or-slacktivism-can-social-media-really-make-a-difference/ [Letzter Zugriff am 23.02.2023]

27 Jahre alt, Studentin

Moin, ich bin Laureen. Politik & Medien – so würde ich meine Interessen in 2 Wörtern beschreiben. Dafür habe ich die Provinz Ostwestfalen-Lippe verlassen und bin zum Studium erst nach Erfurt gezogen und für meinen Master nun nach Aalborg. Wie können wir Medien nutzen, um Politik & Gesellschaft demokratischer und partizipativer zu machen? Das möchte ich wissen!

Laureen Hannig / Gastautorin

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