„Deine Meinung zählt“, „Junge Stimmen gesucht“ oder „Bring dich ein“ – viele Institutionen und Organisationen heben mit solchen Slogans ihre Jugendbeteiligung hervor. Doch verbirgt sich hinter diesen Aufrufen nicht mehr Schein als Sein? Werden junge Menschen wirklich nachhaltig einbezogen oder sind es nur oberflächliche Maßnahmen zur eigenen Imagepflege?
Youthwashing und Scheinbeteiligung
Begriffe, die diese Phänomene beschreiben, sind Youthwashing oder Scheinbeteiligung. Auch wenn diese Begriffe sehr ähnlich sind, gibt es Unterschiede:
Greenwashing, Pinkwashing und jetzt eben Youthwashing. Youthwashing kommt aus der Welt der Werbung, der Öffentlichkeitsarbeit und des Marketings. Das Ziel ist es, ein jugendfreundliches Image zu pflegen und Unterstützung bei der jungen Zielgruppe zu gewinnen. Dabei wird dann z.B. auf der Website ein Foto gezeigt, auf dem junge Menschen planen, diskutieren und mitentscheiden. In der Realität waren sie aber gar nicht involviert oder der letztendliche Entscheidungsprozess fand ohne ihr Einwirken statt.
Beim Vortäuschen von Jugendbeteiligung, auch unter dem Begriff Scheinbeteiligung bekannt, wird jungen Menschen zwar ein Platz am Tisch der großen Entscheidungen angeboten. Ihre Meinungen werden jedoch am Ende nicht berücksichtigt.
- Während Youthwashing als reine Marketingstrategie oder oberflächliche Kampagne auf die eigene Imagepflege abzielt, ohne ein Mitwirken junger Menschen zuzulassen, werden bei Scheinbeteiligung die Anliegen junger Menschen abgefragt, dabei jedoch ignoriert. Ein ernsthaftes Interesse an den Meinungen der Jugendlichen oder eine echte Beteiligung bestehen nicht.
Das sagen junge Engagierte
Lennart, 24, hat das häufig erlebt. Sein politisches Engagement begann als Jugendlicher in einem Jugendkreistag seines Heimatlandkreises in Sachsen-Anhalt. „Dieses Jugendgremium war der Anfang, aber ich hatte dann trotzdem relativ schnell das Gefühl, dass es sich dabei auch um Beschäftigungstherapie handelt“, blickt Lennart zurück. Beschäftigungstherapie? „Wir wurden dann zu den Sitzungen gefahren, es gab Kuchen und Kekse und das war auch toll, aber unsere Themen – wie besserer ÖPNV – verliefen dann ziemlich schnell im Sand.“ Rückblickend bezeichnet Lennart diese Erfahrung als Scheinbeteiligung. Die Erfahrungen des Jugendkreistages waren aber trotzdem nicht das Ende des politischen Engagements: „Ich bin dann der Jugendorganisation einer Partei beigetreten, dort kann ich mich mehr verwirklichen. Klar, auch dort gibt es Strukturen, die realen Einfluss junger Stimmen schwer machen, aber grundsätzlich fühle ich mich dort mehr gehört!“
Im Fall von Lennart hat die frustrierende Erfahrung sein Engagement nachhaltig gestärkt. Eine negative Erfahrung mit Beteiligungsformen kann aber Engagement auch nachhaltig schwächen. Zudem nutzen nur sehr wenige Jugendliche Angebote wie den Jugendkreistag. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung waren 96% der Jugendlichen noch nie in einem Jugendrat oder Jugendparlament aktiv.
Motivation aus Frustration schöpfen, das hat bei Klara, 23, nicht geklappt. Aufgrund von „Pseudo-Partizipation“ – so beschreibt sie die Erfahrung – hat sie sich aus dem Jugendgremium einer Nichtregierungsorganisation (NGO) zurückgezogen. Anstelle wirklicher Teilhabe erlebte Klara eher ermüdende Arbeitsprozesse ohne Ergebnisse und Fortschritt und damit nur den Schein von Beteiligung. Auch Youthwashing sei ihr dabei begegnet. Denn obwohl junge Stimmen nicht in den Entscheidungsprozess integriert wurden, wurde Mitbestimmung öffentlich beworben: Die Mitglieder des Gremiums bekamen viel Aufmerksamkeit, durften auf Veranstaltungen sprechen und die Arbeit repräsentieren. Am Ende war es eine reine Öffentlichkeitskampagne, denn „man schreibt sich Jugendpartizipation ja immerhin groß auf die Fahne“. Auch dieses Interesse der Öffentlichkeit bestärkte den Rückzug nur: „Ich fand es schwer Anerkennung zu bekommen, wenn ich weiß, dass keine echte Beteiligung stattfand“.
Neben ihrem politischen Engagement begeistert sich Klara aber auch für das Theater und hat auch hier die Erfahrung gemacht, die sie als Scheinbeteiligung oder Youthwashing bezeichnen würde. Auf Theaterfestivals gibt es teilweise in den Jurys Jugendjuror:innen, die jedoch gemeinsam nur eine Stimme haben. Oder es gibt ganze Jugendjurys, die nur mitdiskutieren, dann aber nicht abstimmen dürfen. „Sieht so etwa echte Beteiligung aus? Das hat mich richtig getroffen!“ Das Theater aufgeben wird sie trotzdem nicht, aber sie fordert: „Es muss Platz für den Nachwuchs gemacht werden, sonst geht der auch nicht ins Theater!“
Erschwerte Zugänge
Fließende Englischkenntnisse, Kommunikationsstärke und Interesse an internationaler Politik und Nachhaltigkeit, dazu Erfahrungen im Ehrenamt wie Jugendgremien – was sich liest wie eine Stellenausschreibung sind die Voraussetzungen für die deutschen Jugenddelegierten bei den Vereinten Nationen. Dort ist Jugendbeteiligung institutionell verankert. So heißt es: „Junge Menschen sind der Schlüssel zu neuen Lösungsansätzen, die unserer Welt zu den dringend benötigten Durchbrüchen verhelfen“.
Das Programm der Jugenddelegierten, die jedes Mitgliedsland entsenden kann, ist eine Möglichkeit, Jugendliche in Entscheidungsprozesse der internationalen Zusammenarbeit einzubeziehen. Gleichzeitig wird aber gerade auf dieser internationalen Ebene von Aktivist:innen kritisiert, dass die wirklichen Entscheidungen fernab der Gespräche mit jungen Menschen getroffen werden. Sie fordern eine echte Stimme statt Scheinbeteiligung.
Oft hohe Anforderungen schränken die Vielfalt der Jugendlichen ein, die sich engagieren können. Nicht alle haben die Möglichkeit, durch Auslandsaufenthalte ihre Englischkenntnisse zu verbessern oder nebenbei Erfahrungen in der Verbandsarbeit zu sammeln, anstatt zu jobben. Auch Klara, 23, stellt immer wieder fest: „Nicht jede:r kann sich Ehrenamt auch leisten“. Außerdem brauchen junge Menschen Zugang zu verlässlichen Informationen, um zu verstehen, wie politische Entscheidungen entstehen. Dies ermöglicht ihnen, sich beispielsweise mit Themen wie Nachhaltigkeit und Klima auseinanderzusetzen.
Skills alleine reichen nicht
Aber Fähigkeiten und verlässliche Informationen alleine reichen nicht, denn Scheinbeteiligung und Youthwashing können frustrieren. Junge Menschen brauchen auch positive Erfahrungen, die ihnen zeigen, dass ihre Stimmen gehört und geschätzt werden. Solche Erlebnisse stärken ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und ermutigen sie, sich aktiv einzubringen. Das kann zum Beispiel schon durch ein echtes Einbeziehen in der Schule möglich werden.
Oberflächliche Kampagnen und Scheinbeteiligung? Die gehören in die Vergangenheit, denn nur echte Jugendbeteiligung ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen Zukunft.
Quellen:
EU-Jugendkonferenz fordert inklusive und nachhaltige Gesellschaft – online unter: https://www.dbjr.de/artikel/eu-jugendkonferenz-fordert-inklusive-und-nachhaltige-gesellschaft [Letzter Zugriff am 05.06.24]
Unsere gemeinsame Agenda. Kurzdossier 3. Konstruktive Beteiligung junger Menschen an der Politikgestaltung und an Entscheidungsprozessen – online unter: https://www.un.org/Depts/german/gs/OurCommonAgenda-Youth-Engagement.pdf [Letzter Zugriff am 05.06.24]
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Kinder- und Jugendpartizipation in Deutschland – online unter: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/Jungbewegt/Downloads/Beteiligung/Kurzbericht_Druckversion_3._Auflage_heruntergerechnet.pdf [Letzter Zugriff am 05.06.24]
You’ve heard of greenwashing, but what is youthwashing? – online unter: https://www.climaterealityproject.org/blog/youve-heard-greenwashing-what-youthwashing [Letzter Zugriff am 05.06.24]


