Was nur tun ohne sie?

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Mann auf einen Sportgerät

Wie viele von euch bereits wissen zähle ich, Linus, zu den Menschen, die mit einer Behinderung leben. Um am Leben bestmöglich teilhaben zu können, habe ich hier und da kleine, für viele andere Menschen unbedeutende Dinge, die mir das Leben einfacher machen. Sei es eine Fernbedienung, um die Tür zu öffnen, einen Strohalm zum Trinken oder mein Fahrrad mit drei Rädern. Wie wichtig diese Alltagshilfsmittel für mich sind, erfahrt ihr auch auf unserem Instagram-Kanal, auf dem ihr zwei Reels zu dem Thema findet.

Neben mir sind viele weitere Menschen in Deutschland darauf angewiesen, diese und andere Hilfsmittel zu nutzen, damit ihr Leben etwas unkomplizierter und gleichberechtigter ist. Leider ist es gar nicht immer so einfach, die nötigen Hilfen finanziert bzw. gestellt zu bekommen.

Fakten

Zum Jahresende 2021 lebten in Deutschland rund 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen. Das entspricht 9,4% der Gesamtbevölkerung.
Je nach Stärke der Behinderung wird einer Person ein Behinderungsgrad zugewiesen. Der Grad der Behinderung oder GdB ist ein Maß für die Beeinträchtigung körperlicher, geistiger, seelischer oder sozialer Funktionen mit Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche. Der GdB beginnt bei 20 und reicht in Zehnerschritten bis 100. Umgangssprachlich wird der GdB häufig in Prozent angegeben. Dies ist aber nicht korrekt. Als schwerbehindert zählt man erst, wenn der Grad der Behinderung als 50 oder mehr eingestuft wird. Dies wird durch medizinische Gutachten festgestellt. Mit meinem GdB von 80 zähle ich also als schwerbehindert. Je nach Höhe des Grades (und vielen weiteren Faktoren), bekommen Menschen mit Behinderungen staatliche Hilfen.

Hilfsmittel

Mal eben den Schlüssel ins Schloss stecken, ein Glas Wasser trinken oder jemanden anrufen … Für die meisten Menschen ist das alles ganz selbstverständlich. Mit diesen und diversen weiteren Kleinigkeiten habe ich jedoch oft Schwierigkeiten. Und da kommen dann meine Alltagshilfsmittel zum Einsatz.

Den Schlüssel, der nicht ins Schloss will, kennen viele nur, wenn die Nacht mal wieder etwas lang war – für mich ist es Alltag, der an meinen Kräften zehrt. Es dauert ziemlich lange, bis ich das Schloss mit dem Schlüssel treffe und nach ein paar Monaten sieht das Schloss dementsprechend zerkratzt aus. Da ist die Türöffnung mit einer Fernbedienung deutlich zeitsparender und nervenschonender. Immerhin geht es bei mir im Notfall auch mit Schlüssel. Das können jedoch nicht viele Menschen mit Spastik von sich behaupten.

Um entspannt aus einem Glas trinken zu können, benötige ich einen Strohhalm. Neben weiteren Einwegprodukten aus Plastik sind seit letztem Jahr Strohhalme aus Einwegplastik verboten. Der Gesetzgeber möchte damit unnötigen umweltbelastenden Plastikmüll vermeiden. Den Grundgedanken dahinter kann ich nachvollziehen und finde ihn super. Aber welche Alternativen zu Strohalmen aus Plastik gibt es für mich? Pappe löst sich nach 5 Minuten auf und schmeckt wie ein Karton. Glas ist so hart, dass Verletzungsgefahr besteht. Die perfekte Alternative habe ich noch nicht gefunden. Wenn ich jedoch keine Strohhalme habe, sieht es für mich echt trocken aus.

Weitere kleine Dinge, die jede*r kennt und viele zum Spaß nutzen, sind für mich echte Alltagshilfen – wie z. B. der Sprachassistent auf dem Handy! Wie viel Zeit ich dadurch spare, ist super. Denn gerade wenn ich stehe, fällt mir das Bedienen des Handys mit den Händen besonders schwer. Da ist es deutlich leichter „Hey Siri, rufe jung genug an“ ins Handy zu sagen.

Auch ein normales Fahrrad kommt für mich nicht in Frage und laufen ist für mich ungefähr so anstrengend, wie für andere Bergsteigen. Da hilft nur mein Porsche. So nenne ich mein Dreirad. Mit dem bin ich super mobil und ich kann es auch für kleine Strecken nutzen.

Für mich ist ein Ausgleich durch Sport sehr wichtig. Viele Jahre habe ich nach der perfekten Sportart gesucht, denn einfach mal eben eine Runde Joggen kommt für mich nicht in Frage. Dank meines Runningframes ist das kein Problem mehr. Das Gerät hat ebenfalls drei Räder und einen Sattel, wodurch mein Oberkörper gestützt ist und ich mich in Ruhe auf meine Beine konzentrieren kann. Der Sport namens „Framerunning“ wurde extra von und für Menschen mit Behinderungen entwickelt und ist mittlerweile international als Leistungssport anerkannt.

Framerunning ist eine Sprintdisziplin, die auf einer normalen Tartanbahn gelaufen wird. Wie beim Laufen, gibt es auch hier verschiedene Weiten: Von 40m bis 1500m ist alles dabei. Ich war übrigens 2018 der erste, der in Deutschland international klassifiziert wurde und seitdem auf verschiedenen Turnieren gestartet ist. Ich trainiere meistens für die 100m. Mein Rekord liegt bei 20,33 Sekunden.

Abschließend kann ich sagen, dass mir Hilfsmittel das Leben deutlich einfacher machen und mir eine große Teilhabe ermöglichen. Jedoch stellt der Weg zu den wichtigen medizinischen Hilfen oft eine große Hürde da. Hilfsmittel, wie zum Beispiel mein Fahrrad, werden überwiegend von den Krankenkassen bezahlt. Damit die Kosten solcher Hilfsmittel von der Krankenkasse übernommen werden, muss zunächst ein Gutachten erstellt werden, um die Notwendigkeit festzustellen. Viele Sicherheitsstandards müssen eingehalten werden, damit bestimmte Dinge als Hilfsmittel anerkannt werden. Daher sind Hilfsmittel in der Regel sehr teuer und jedes Gerät muss einzeln beantragt werden. Dieser Prozess kann sehr langatmig sein.

Für mich ist das Fahrrad nur ein zusätzliches Mittel, welches mir den Alltag enorm erleichtert; es ist jedoch nicht lebensnotwendig. Anders sieht es bei Menschen aus, die zum Beispiel ohne Rollstuhl nicht aus ihrer Wohnung kommen. Dauert hier eine Beantragung lange, ist es für die betroffene Person eine große Lebenseinschränkung. Hier muss politisch unbedingt etwas getan werden, um den Prozess zu vereinfachen.

Hilfsmittel haben sehr viel Einfluss auf das selbstbestimmte Leben. Selbstbestimmung ist ein großer Bestandteil von und für Inklusion, welche sich Deutschland bereits 2008 mit der Zustimmung zur UN-Behindertenrechtskonvention auf die Fahne geschrieben hat. Jetzt fehlt es an so mancher Stelle noch an der Umsetzung. Daher ist mein Wunsch unter anderem, dass lebensnotwendige Anträge schneller, mit weniger bürokratischen Hürden und transparenter entschieden und beantragt werden können. Das derzeitige Verfahren kann sehr abschreckend sein und Menschen daran hindern, für Dinge Anträge zu stellen, die ihr Leben wesentlich einfacher machen würden. Das darf nicht der Fall sein!

Wie ich bereits zu Beginn erwähnt habe, sind fast 10% der in Deutschland lebenden Personen schwerbehindert. Das ist keine Minderheit, sondern ein großer Teil unserer Gesellschaft. Auch dieser Teil unserer Gesellschaft sollte unkompliziert Teilhaben und wie alle anderen ein erfülltes Leben führen. Menschen mit Behinderung haben sowieso schon einen deutlich höheren Mehraufwand. Da sollten Sachen wie Anträge nicht auch noch eine extra Belastung darstellen.

Euer

Linus

Quellen:

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Behinderte-Menschen/_inhalt.html (letzter Aufruf: 01.11.2022)

https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/nachhaltigkeitspolitik/einwegplastik-wird-verboten-1763390 (letzter Aufruf: 01.11.2022)

https://www.lebenshilfe.de/informieren/familie/wie-komme-ich-zu-meinen-hilfsmitteln (letzter Aufruf: 04.11.2022)

https://www.rehacare.de/de/Archiv/Themen_des_Monats/Themen_des_Monats_2019/November_2019_Quo_vadis_Inklusion/Europa_Inklusion_mit_Hilfe_von_Hilfsmitteln (letzter Aufruf: 04.11.2022)

https://www.vdk.de/deutschland/pages (letzter Aufruf: 05.12.2022)

26 Jahre alt, Inklusionsaktivist

Moin, ich bin Linus. Schon seit einigen Jahren bin ich in unterschiedlichen Projekten aktiv und vertrete dort meine politische Meinung zu verschiedensten Themen. Der Schwerpunkt liegt hierbei aber oft bei Themen rund um das große Thema „Behinderung“, was ich durch meine eigene Ausgangslage mitbringe. Von Geburt an lebe ich nämlich selber mit einer körperlichen Einschränkung.

Linus / ehem. Redaktionsmitglied

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