Die Zukunft der Pflege

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Titelbild Pflegenotstand

Seit der Corona-Pandemie wird immer mehr über ein Thema berichtet: Die Missstände in der Pflege. Schlechte Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne machen Berufe in der Pflege sehr unattraktiv. Immer weniger Menschen lassen sich zur Pflegekraft ausbilden und ausgebildete Pflegekräfte wechseln den Beruf oder verringern ihre Arbeitsstunden. Dabei ist wichtig zu bedenken, dass „die Pflege“ ein ziemlich umfassender Begriff ist. Hierzu gehört längst nicht mehr nur die Stationäre Pflege in Heimen oder Krankenhäusern. Auch die Ambulante Pflege ist ein Teil des Ganzen.

Pflegekräftemangel

Seit Jahren gibt es in Deutschland einen enormen Mangel an Pflegekräften. Geredet wird mittlerweile von einem Ausnahmezustand in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Die Barmer Krankenkasse hat hierzu recherchiert und erschreckende Zahlen zusammengetragen. Demzufolge ergab eine Hochrechnung, dass bis 2030 mehr als 180.000 Pflegekräfte in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern fehlen werden. In der Ambulanten Pflege sieht es nicht besser aus. Ein Grund dafür ist, dass viele der derzeit berufstätigen Pflegekräfte in den nächsten zehn bis zwölf Jahren in Rente gehen werden. Rund 500.000 Arbeitsplätze werden in dieser Zeit frei werden. Ausreichend neue Arbeitskräfte kommen jedoch nicht nach. Schon jetzt dauert es in der Krankenpflege im Schnitt 230 Tage, bis eine Stelle besetzt wird. In der Altenpflege sind es 210 Tage.

Arbeitsbedingungen

Der Hauptgrund, der den Beruf unattraktiv macht, sind schlechte Arbeitsbedingungen. Eine bundesweite Umfrage der Arbeitnehmerkammern Bremen und Saarland sowie des Instituts Arbeit und Technik (IAT) hat 12.700 Leute befragt, die entweder aus der Pflege ausgestiegen sind oder derzeit in Teilzeit arbeiten. 60 % der Befragten, die momentan ihren Beruf in der Pflege aufgegeben haben, können sich vorstellen, wieder zurückzukehren, wenn sich die Arbeitsbedingungen verbessern würden. Auch die Hälfte der Teilzeitbeschäftigten würden bei besseren Bedingungen ihre Stunden wieder aufstocken.

Um ausgestiegene Fachkräfte wiederzugewinnen, müssten die Forderungen nach besserer Bezahlung und mehr Personal realisiert werden. Das ist jedoch zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht mehr so einfach. Da immer mehr Menschen den Beruf verlassen, gibt es immer weniger Pflegekräfte und die Bedingungen verschlechtern sich weiter. Die Unterbesetzung ist auch eng verbunden mit weiteren Missständen in der Pflege. Das Personal wünscht sich zum Beispiel mehr Zeit für die Patient*innen, was jedoch bei der derzeitigen Situation nicht zu gewährleisten ist.

Ein weiterer Punkt, der unbedingt verbessert werden muss, sind die Arbeitszeiten. Dienstpläne müssen verbindlich eingehalten werden, damit das Privatleben der Pflegekräfte besser planbar ist. Auch hier würde sich bemerkbar machen, wenn wieder mehr Pflegekräfte eingestellt wären und sich die Kolleg*innen untereinander besser vertreten könnten.

Bessere Bezahlung

Immerhin, beim Thema Bezahlung hat sich schon etwas getan! Die Mindestlöhne für Pflegekräfte sind zum 1. September 2022 gestiegen. Weitere Höherstufungen erfolgen gestaffelt bis Dezember 2023. Die Höhe des Mindestlohnes ist abhängig vom Grad der Ausbildung. In der Tabelle haben wir euch die Erhöhungen einmal übersichtlich zusammengefasst:

bis August 2022September 2022Mai 2023Dezember 2023
Pflegefachkraft15,0017,1017,6518,25
1-2 Jahre Ausbildung12,5014,6014,9015,25
keine Ausbildung12,0013,7013,9014,15

Außerdem müssen ab 1. September 2022 Pflegekräfte in der Altenpflege nach Tarif bzw. in Tarifhöhe bezahlt werden. Tun die Pflegeeinrichtungen dies nicht, kann ihnen ihre Zulassung entzogen werden.

Zudem erhalten Beschäftigte in der Altenpflege mehr Urlaubstage. Bei einer 5-Tage-Woche hat eine Pflegekraft jetzt Anspruch auf sieben Tage Mehrurlaub über den gesetzlichen Urlaubsanspruch von 20 Tagen hinaus.

Steigende Zahlen der Pflegebedürftigen

Abgesehen von schlechten Arbeitsbedingungen droht der Pflege in den nächsten Jahren eine weitere Krise: Die Anzahl der pflegebedürftigen Menschen steigt immer weiter. Bis zum Jahr 2030 wird mit einem Anstieg der Pflegebedürftigen um 30 Prozent gerechnet. Die sogenannte Babyboomer-Generation, die fast 22 Prozent der Bevölkerung in Deutschland ausmacht, ist die geburtenstärkste Generation und im Moment zwischen 53 und 67 Jahre alt. Es ist davon auszugehen, dass der Pflegebedarf dieser Generation in den kommenden Jahren stetig steigen wird.

Pflege durch Angehörige

Immer mehr Menschen entscheiden sich, ihre Verwandten in den eigenen vier Wänden zu pflegen. Hochrechnungen der Barmer Krankenkasse geben an, dass in weniger als zehn Jahren knapp drei Millionen pflegebedürftige Menschen ausschließlich durch Angehörige gepflegt werden. Das sind rund 630.000 Menschen mehr als im Jahr 2020. Auch wenn dies in der Regel für die pflegebedürftigen Personen schöner ist als im Heim, ist es für die Pflegenden eine enorme Mehrbelastung, welche mitunter die Psyche belastet.

Die Ergebnisse der aktuellen „PflegeStudie 2022 mit der Babyboomer-Generation“ im Auftrag der opta data ZukunftsStiftung zeigen mitunter eine Überforderung in der Praxis:

73 % der befragten Babyboomer, die gepflegt haben, sagen, dass ihr Leben deutlich eingeschränkt war und 72 % unterschätzten die geistigen Anstrengungen. Ganze 69 % derjenigen, die selbst gepflegt haben, brachte die Pflege an ihre physischen Grenzen.

„Angesichts der steigenden Zahl Pflegebedürftiger und der bereits heute großen Zahl an fehlenden Pflegekräften ist Deutschland auf dem besten Wege, in einen dramatischen Pflegenotstand zu geraten. Um diesen abzuwenden, muss die künftige Bundesregierung vor allem die Ausbildung attraktiver machen. Es muss mehr Nachwuchs für die Pflege gewonnen werden“, sagte Barmer-Chef Straub.

Aus eigener Erfahrung

Zuletzt möchte ich noch einen kurzen Bericht aus eigener Erfahrung hinzufügen. Ich lebe seit meiner Geburt mit einer körperlichen Behinderung. Um ein selbstbestimmtes Leben in meiner eigenen Wohnung leben zu können, benötige ich persönliche Assistenz. Assistent*in kann jede*r werden, denn hierfür wird keine Qualifikation benötigt. Meine Assistent*innen begleiten mich durch meinen Alltag und übernehmen alle Dinge, die ich aufgrund meiner Behinderung nicht machen kann. Das sind Sachen wie Essen zubereiten und anreichen, duschen, anziehen und viele andere Tätigkeiten.

Für persönliche Assistent*innen gibt es, abgesehen von Stationären Einrichtungen, zwei Modelle der Anstellung: Das Dienstleistungsmodell und das Arbeitgebermodell. Beim Dienstleistungsmodell sind die Assistent*innen bei einem Träger angestellt und werden von diesem zu den Menschen mit Assistenzbedarf geschickt.

Ich nutze das Arbeitgebermodell. Das heißt, anders als beim Dienstleistungsmodell bekomme ich vom Amt, im meinem Fall vom LaGeSo, das Geld zur Verfügung gestellt, um dafür meine Assistent*innen selber anzustellen. Der Vorteil ist, dass ich selbst entscheiden kann, wen ich bei mir arbeiten lasse. Natürlich übernehme ich als Arbeitgeber hierdurch alle Rechte und Pflichten, wie jede*r andere Arbeitgeber*in auch. Ich bin selber dafür verantwortlich, neue Leute zu suchen, diese anzumelden, Dienstpläne zu schreiben und die Abrechnungen zu machen.

Auch hier gibt es einen enormen Personalmangel, der durch die Corona-Pandemie deutlich verstärkt wurde. Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Assistent*innen. Zudem gibt es seit 2019 einen ungleichmäßigen Stundenlohn. Die Assistent*innen, die über einen Dienst angestellt sind, bekommen aktuell mehr Gehalt als diejenigen, die im Arbeitgebermodell angestellt sind. Dadurch wird die Personalsuche noch schwieriger. Zumindest für Berlin ist eine Lohnangleichung geplant. Diese erforderlichen Haushaltsmittel sind bereits bewilligt. Jedoch hat Finanzsenator Daniel Wesener lange die Refinanzierung des Tarifvertrags für behinderte Arbeitgeber*innen blockiert. Eine Einigung gibt es noch nicht. *** Berliner Arbeitgeber*innen haben sich im vergangenen Jahr als Arbeitgeberverband zusammengetan, um gemeinsam für bessere Löhne zu kämpfen. Um eine tarifliche Anpassung für eine persönliche Assistenz zu ermöglichen, möchte die Berliner rot-rot-grüne Koalition eine Million Euro für die Jahre 2022 und 2023 zusätzlich bereitstellen. Dadurch soll die Möglichkeit geschaffen werden, dass sowohl im Dienstleistungsmodell als auch im Arbeitgebermodell die gleichen Löhne bezahlt werden. Nun warten viele Arbeitgeber*innen auf die Zusage. Und die ist echt dringend.
Im restlichen Bundesgebiet gibt es bisher noch keine einheitliche Lösung.

***Ende November kommunizierte die Berliner Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales eine ab 01.12.22 geltende Entgelterhöhung für Assistenzkräfte.

Pflege ist also ein Dauerthema, welches so schnell nicht enden wird. Auf vielen Ebenen muss noch viel gemacht werden. Aber es ist dringend, denn davon abhängig sind Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind.

Grüße

Linus

Quellen:

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/personalmangel-in-der-pflege-liesse-sich-laut-studie-stark-vermindern-4327000.html

(letzter Aufruf: 03.11.2022)

https://www.barmer.de/presse/infothek/studien-und-reporte/pflegereport/pflegereport-2021-1059412

(letzter Aufruf: 03.11.2022)

https://gesundheit-soziales-bildung.verdi.de/themen/pflegepolitik/++co++b83195ba-cef4-11e7-85f9-525400423e78

(letzter Aufruf: 03.11.2022)

https://egvmg.de/neue-studie-offenbart-babyboomer-generation-laeuft-blind-in-die-pflege-katastrophe/ (letzter Aufruf: 03.11.2022)

https://www.optadata-zukunfts-stiftung.de/navigation/forschung#c3615 (letzter Aufruf: 04.11.2022)

https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/verbesserungen-im-pflegeberuf-1745564 (letzter Aufruf: 04.11.2022)

26 Jahre alt, Inklusionsaktivist

Moin, ich bin Linus. Schon seit einigen Jahren bin ich in unterschiedlichen Projekten aktiv und vertrete dort meine politische Meinung zu verschiedensten Themen. Der Schwerpunkt liegt hierbei aber oft bei Themen rund um das große Thema „Behinderung“, was ich durch meine eigene Ausgangslage mitbringe. Von Geburt an lebe ich nämlich selber mit einer körperlichen Einschränkung.

Linus / ehem. Redaktionsmitglied "jung genug"

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