Die Krise im deutschen Bildungssystem

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Wie akut ist der Lehrkräftemangel?

Als Lehramtsstudent bekomme ich im Studium immer wieder zu hören, dass wir (also meine Kommiliton:innen und ich) uns einen Beruf ausgesucht haben, der dringend gesucht wird. Obwohl ich erst im 2. Semester bin, verstehe ich nun auch immer mehr, wieso das so ist …

Seit Jahren ist der Lehrkräftemangel in Deutschland ein Dauerthema in zahlreichen Medien. Man hatte das Gefühl, dass viele Jahre nichts dagegen unternommen wurde – doch nun hat die Kultusministerkonferenz (KMK) Lösungsvorschläge gegen den Lehrkräftemangel erarbeitet.

Zahlen & Fakten

Um den Lehrkräftemangel in Deutschland genauer definieren zu können, wollen wir uns zunächst einmal ein paar (erschütternde) Zahlen und Fakten anschauen.

Die KMK sagt für die nächsten 20 Jahre einen Lehrkräftemangel voraus. Dabei sind in Deutschland laut der Kultusministerien der Länder bereits jetzt mehr als 12.000 Lehrstellen unbesetzt. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, nannte diese Zahlen jedoch „geschönt“. Seinen Angaben zufolge fehlen in Deutschland sogar zwischen 30.000 und 40.000 Lehrkräfte. Geografisch betrachtet sind die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt und Berlin am meisten betroffen. In Hessen herrscht dagegen sogar ein Überangebot an Lehrkräften.

Reaktionen der Länder

In Deutschland herrscht Föderalismus – das heißt: Das Thema Bildung ist Ländersache. Um mehr Lehrkräfte anzuwerben, haben sich die Bundesländer schon so einige Anreize überlegt!

In Sachsen-Anhalt müssen Lehrkräfte ab April diesen Jahres eine Stunde mehr pro Woche unterrichten. Damit soll dem Unterrichtsausfall entgegengewirkt werden. Die zusätzliche Stunde können sich die Lehrkräfte entweder auszahlen oder auf einem sogenannten „Arbeitszeitkonto“ gutschreiben lassen. Außerdem sollen Studienplätze ausgebaut und Seiteneinsteigenden der Einstieg erleichtert werden.

Auch in Bayern soll nun mehr auf Quereinsteiger*innen gesetzt werden. Außerdem versucht man es mit Geld: Zukünftig sollen Lehrkräfte in Grund- und Mittelschulen die recht hohe Vergütungsgruppe A13 bekommen, die bisher nur Lehrer*innen auf weiterführenden Schulen vorbehalten war. Des Weiteren besteht der Plan, Lehrer:innen aus anderen Bundesländern eine Umzugspauschale zu zahlen und Zulagen auszuzahlen, wenn Lehrer:innen sich entscheiden, ihren Dienst in weniger attraktive Regionen zu verlegen.

In Brandenburg kam es auf Grund von Uneinigkeit in der SPD-Partei bezüglich der Lösungsansätze für den Fachkräftemangel sogar zu einem Rücktritt der ehemaligen brandenburgischen Ministerin für Bildung, Jugend und Sport, Britta Ernst. Ihr Vorschlag, 200 Planstellen für Lehrer:innen für Verwaltungsfachkräfte und Schulsozialarbeiter:innen umzuwidmen und damit Ressourcen für Förder- und Ganztagsangebote sowie Inklusion zu kürzen, wurde von Schulen, Eltern und der Regierungskoalition selbst stark kritisiert. Als Grund ihres Rücktritts gab Britta Ernst die nicht vorhandene, jedoch notwendige Geschlossenheit ihrer Partei an, die es zum Lösen der Probleme bedarf.

Einige Vorschläge der SWK gegen den Lehrkräftemangel

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) ist ein unabhängiges Begleitgremium der KMK, die aus 16 Bildungsforscher:innen aus unterschiedlichen Disziplinen besteht. Sie hat die Aufgabe, die Kultusministerkonferenz zu beraten und hat nun allgemeine Lösungsvorschläge gegen den Lehrkräftemangel erarbeitet. Dabei gab es Vorschläge wie die Erhöhung der Klassengrößen, Lehrkräfte aus der Pension zurückzuholen und Hybridunterricht und mehr Selbstlernzeit für Kinder einzuführen. Diese Vorschläge stießen auf viel Empörung und Kritik – nicht ohne Grund, wie ich finde.

Bei der Klassengröße sind sich Expert:innen nicht ganz einig. Laut der Hattie Studie haben große Klassen keinen großen Einfluss auf das Erreichen der Lernziele einzelner Schüler:innen. Die Schüler:innen-Lehrer:innen-Beziehung scheint jedoch nach John Hattie eine große Bedeutung zu haben. Hier stellt sich die Frage, inwieweit die zwei Faktoren nicht zusammenhängen und ob Lehrer*innen in einer Klassen mit 26-30 Schüler:innen wirkliche Beziehungen mit jedem/jeder einzelnen aufbauen können.

So sagt Sigrid Strauß, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: „Allerdings beobachten wir nicht nur an Grundschulen, sondern auch an Gesamtschulen, Gymnasien und in den Beruflichen Schulen mit wachsender Sorge die Tendenz, dass sich die Schüler und Schülerinnen wie Sardinen in der Büchse in die Klassenräume quetschen müssen. […]Individualisiertes, betreutes Lernen und Arbeiten im Team wird unmöglich. […] In den dicht gedrängten Klassen steigen Lärmpegel, Unruhe und Aggressivität. Schwächere SchülerInnen bleiben dabei auf der Strecke“. Sie unterstreicht damit die Aussage, dass ein besserer Lernerfolg bei kleineren Klassen eher erzielt werden kann. Außerdem scheint es einen direkten Einfluss auf die Chancengleichheit zu haben.

Der Vorschlag, „Lehrkräfte aus der Pension zurückzuholen“, sollte ebenfalls kritisch betrachtet werden. Für leidenschaftliche Lehrer*innen mag diese Option optimal sein, um sich weiterhin sinnvoll einzubringen und Schüler:innen zu begeistern. Es birgt jedoch auch die Gefahr, dass der Unterricht schlicht „veraltet“ ist. Insbesondere beim Thema Digitalisierung können nicht vereinbare Welten aufeinandertreffen. Auch die benötigte körperliche und geistige Fitness im Schulalltag könnte sich bei pensionierten Lehrkräften unter Umständen problematisch gestalten. Dieser Lösungsansatz ist zudem keine gute Publicity für die anspruchsvolle Tätigkeit von Lehrkräften und somit auch kein motivierendes Signal, um junge Menschen für dieses tolle Berufsbild zu begeistern.

Der Vorschlag, Hybridunterricht und mehr Selbstlernzeit für Schüler:innen einzuführen, ist an sich keine schlechte Idee und mag eventuell auch funktionieren. Jedoch wurde diese Art des Lehrens gezwungenermaßen auch schon während der Corona-Pandemie ausgetestet. Mehrere Studien zeigen, welche negativen Folgen das auf die Schulkinder hatte. Weniger Bewegung, weniger Lernfortschritt, höhere Belastung der mentalen Gesundheit und vor allem eine besonders hohe soziale Ungleichheit. Mal ganz davon abgesehen, dass hier im Punkt Digitalisierung (bei Lehrkräften, als auch bei Schüler*innen) noch einiges nachzuholen ist.

Lösung gegen den Lehrkräftemangel (MEINUNG)

Um nicht nur zu kritisieren, möchte ich zum Schluss selbst einige Lösungsvorschläge vorstellen.

Meiner Meinung nach sollten Lösungen bereits im Studium ansetzen. Dafür müsst ihr wissen, dass sich das Lehramtsstudium (in Berlin) wie folgt zusammensetzt: 3 Jahre Bachelor, 2 Jahre Master und anschließend 1,5 Jahre Referendariat. Ich studiere also für das Grundschullehramtsstudium reine 5 Jahre und lerne hierbei auch noch viele Sachen, die mir im späteren Beruf nichts nützen, wie zum Beispiel die Geschichte der Grundschule oder komplexere Mathematik.

In den ersten drei Jahren ist laut Lehrplan nur ein einziges 6-wöchiges Praktikum vorgesehen. Ich frage mich: Wieso ist das Studium so theoretisch? Wäre ein duales Studium beispielsweise nicht viel praxisnaher, bei dem die Studierenden zahlreiche Erfahrungen sammeln würden? Außerdem könnten die Studierenden während der praktischen Phase die schon ausgebildeten Lehrenden im Unterricht unterstützen.

Ein weiterer Punkt, um den Studiengang attraktiver zu machen und langfristig mehr Lehrkräfte zu gewinnen, wäre, den Numerus clausus (abgekürzt NC) deutlich herunterzusetzen. Dieser liegt aktuell in Berlin für Grundschulmathematik bei 1,6. Du bräuchtest also rein theoretisch ein 1,6er Abi, um später Kindern erklären zu können, dass 3 Äpfel + 2 Äpfel = 5 Äpfel ergeben (übertrieben gesagt). Praktisch gesehen kommen allerdings nur 20% aller Studierenden über den NC bzw. diese Zulassungsbeschränkung rein. Bei 80% kommt es auf andere Faktoren wie Alter und Leistungskurse an.

Hat man das Studium dann geschafft, folgt der Lehrer:innenberuf. Auch hier gibt es meiner Meinung nach Punkte, um den Beruf attraktiver zu machen. Sei es die Schulausstattung an sich, welche den Lehrkräften eher wenige Möglichkeiten für eine kreative Unterrichtsgestaltung bietet oder auch das Gehalt. Ja, Lehrkräfte verdienen nicht schlecht, aber wenn es aktuell so einen Mangel an Fachkräften gibt und es doch so ein unglaublicher wichtiger Beruf ist, könnte eine Maßnahme sein, das Gehalt zu erhöhen.

Fazit

Mein Fazit: Der Lehrkräftemangel wird immer schlimmer. Lange wurde gar nichts getan und nun kommen von der SWK Vorschläge, die den Lehrkräftemangel eventuell eine gewisse Zeit abdämpfen würden, aber definitiv keine langfristigen Lösungen sein können. Das Studium als auch der Beruf an sich sind immer noch sehr unattraktiv und müssen erst einmal wieder attraktiv gemacht werden. Eine Aussicht auf Besserung gibt es meiner Meinung nach derzeit (leider) nicht.

Euer Marwin (:

PS: Auf Instagram findet ihr einige Videos über den Lehrkräftemangel von mir. Ich zeig euch da zum Beispiel, wie die Vorschläge der SWK gegen den Lehrkräftemangel in der Realität aussehen würden.

Quellen:

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/lehrer-fachkraeftemangel-kultusministerien-bundeslaender-100.html (Abgerufen am 04.05.2023)

https://www1.wdr.de/nachrichten/lehrermangel-nrw-kmk-experten-kommission-100.html (Abgerufen am 04.05.2023)

https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/lehrermangel-bleibt-bundesweit-ein-problem/#:~:text=Im%20bev%C3%B6lkerungsreichsten%20Bundesland%20Nordrhein%2DWestfalen,Niedersachsen%20mehr%20als%20400%20Lehrkr%C3%A4fte. (Abgerufen am 04.05.2023)

https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/lehrermangel-bundeslaender-101.html (Abgerufen am 04.05.2023)

https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2023/01/berlin-brandenburg-lehrermangel-kultusminister-konferenz-massnahmen.html (Abgerufen am 04.05.2023)

https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2021-04/schule-schueler-corona-psychische-gesundheit-homeschooling-statistik/seite-2 (Abgerufen am 04.05.2023)

https://www.tagesspiegel.de/potsdam/brandenburg/die-eigenen-genossen-stellten-sich-gegen-sie-warum-britta-ernst-in-brandenburg-zurucktrat-9671537.html (Abgerufen am 04.05.2023)

https://www.gew-hamburg.de/themen/schule/klassengroesse (Abgerufen am 04.05.2023)

https://www.gew-hessen.de/bildungspolitik/kleine-klassen-grosse-wirkung (Abgerufen am 04.05.2023)

https://www.deutschlandfunkkultur.de/schulklassen-groesse-bildung-lehrermangel-100.html (Abgerufen am 04.05.2023)

https://visible-learning.org/de/hattie-rangliste-einflussgroessen-effekte-lernerfolg/ (Abgerufen am 04.05.2023)

23 Jahre alt, Student

Heyyo, ich bin Marwin und komme aus Berlin. Zurzeit bin ich Lehramtsstudent. Die Digitalisierung der Schulen ist für mich ein spannendes Thema, bei dem ich großen Handlungsbedarf sehe. Aber auch die Mitbestimmung von Jugendlichen liegt mir sehr am Herzen. Jugendliche sollten bei viel mehr mitentscheiden dürfen, gerade wenn es um sie geht! Aber auch viele andere Themen, wie zum Beispiel „Wählen ab 16“, sind mir wichtig (:

Marwin Klages

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